Auftritt
Ballhaus Naunynstraße: Wer darf sich ausruhen?
„Arrival of the Village“ von Magda Korsinsky – Choreografiemitarbeit Genifer Marione Habbasch, Dramaturgie Yama Tessa Hart, Bühne Jaq Lisboa, Kostüme Sarah Ama Duah, Sound und Musikkonzept Shelly Phillips
von Benjamin Freund
Assoziationen: Theaterkritiken Berlin Ballhaus Naunynstraße

Hört man den Begriff „Care-Arbeit“ (Sorgearbeit) dieser Tage, hat womöglich jede:r direkt ein Bild im Kopf. Womöglich hängt die Ausgestaltung dieses Bildes aber davon ab, wer genau den Begriff hört. So gestaltet sich das Sorgen weißer Single-Mums und Dadfluencer auf Instagram sicher anders als das von Schwarzen FLINTA*. Nur was heißt das genau?
„Arrival of the Village“ ist der Titel des letzten Stücks, welches das Ballhaus Naunynstraße an vier aufeinanderfolgenden Abenden im noch jungen Juli zeigt. Danach zieht sich das Berliner Theater bis September in die Sommerpause zurück. So viel kann gesagt sein: Am Premierenabend entsteht und entlädt sich ein Energiefeld, das man im Anschluss an die Performance noch bis nach Hause in sich trägt.
„Ich freue mich zum einen darauf, etwas machen zu können, das erst durch die Anwesenheit des Publikums lebendig wird. Zugleich hoffe ich, dass die Leute eine Reise zu unterschiedlichen Zuständen, Themen und deren Bearbeitung erwartet“, sagt Choreografin Magda Korsinsky in der Woche vor der Uraufführung. Bereits im Vorfeld von „Arrival of the Village“ hat Korsinsky Interviews mit FLINTA* und Schwarzen Personen geführt und deren Aussagen in einer Stuttgarter Ausstellung auf Textilien präsentiert. Im Ballhaus wird den Zitaten in familiärer Atmosphäre Leben eingehaucht.
Für das Publikum bedeutet das zu Beginn erst einmal „Schuhe ausziehen!“, wie Ballhauschef Wagner Carvalho am Einlass mit einem Lächeln mit auf den Weg gibt. Dann geht es ab auf die Bühne. Ja, richtig gelesen, in der Performance ist man Teil der Bühne – weichen Sitzflächen und schlangenförmigen Rückenlehnen sei Dank. Sobald die Wohnzimmerstimmung ins Rampenlicht gerückt ist, geht das Stück mit den drei Performenden Adrian Marie Blount, Astan Meyer und Sarhaly rein in die Konfrontation.
„Rassismus“, „Sexismus“, „Homophobie“, „Transphobie“, „Ableismus“! Auf Deutsch, Englisch und Französisch schmettert das Trio die Begriffe seinem Publikum entgegen. Unterstützt wird es im Laufe des Abends durch Übertitel, die auf einen den Raum ummantelnden Vorhang projiziert werden, sowie Audioschnipsel besagter Interviews. Im Hintergrund wummert und flimmert ein Soundtrack, erst dumpf, dann klar, als käme er von einem weit entfernten Planeten angereist. Und dann ist da die nackte Wahrheit: Sämtliche Diskriminierungsformen kommen bei Schwarzen Menschen und FLINTA* zur üblichen Sorge um Kinder, Partner*innenschaft, Beruf und Haushalt on top. Dinge, um die sich andere qua ihrer Lebensrealität nicht kümmern müssen.
Apropos Kümmern – die deutsch-ghanaische Künstlerin Sarah Ama Duah hat sich um die Kostüme der drei Performenden gekümmert. Und wie! Entschieden hat sich Duah für atmungsaktive Kleidung, bestehend aus luftigen Tops und Gewändern, ergänzt durch Korsetts und hohe Kompressionsstrümpfe, mal in Gold-Gelb, mal in Salbei-Grün, mal im schreienden Orange-Rot. Eine gute Entscheidung war das. Denn das Trio sieht nun so aus, als sei es für sämtliche Eventualitäten gewappnet, auch für eine Reise auf einen entfernten Planeten. Die Looks sorgen untereinander für Kontraste, die durch die Bewegungen der Performenden wieder aufgelöst werden. In den Klamotten wird getanzt, rezitiert, gesungen und gerappt, und wenn alles nichts hilft, gibt es eine innige Umarmung.
Dem nicht genug. Mächtige geschlängelte Kissen ergänzen die Outfits, werden dann ins Publikum gereicht und können dort um einzelne oder mehrere Körper geschlungen werden. Die Weitergabe von Last, Sicherheit oder beidem? Das Wohlgefühl im Raum wird jedenfalls so groß, dass nicht alle die überdimensionierten Stoffteile sofort wieder zurückgeben wollen, ganz zum Amüsement der Performance-Crew.
Ganz und gar nicht kuschelig wird es, als die drei Schwarz gelesenen Performer*innen, die in dem Stück auch ihre persönlichen Eltern-Erfahrungen verarbeiten, der Wut freien Lauf lassen. Das Licht verdunkelt sich, die Körperbewegungen werden ruckartiger, die Stimmen lauter. Magda Korsinsky liegt dieser Moment besonders am Herzen: „Ich denke dabei an die Not und Dringlichkeit, wütend zu sein. Gleichzeitig geht es um die Hemmung von Wut, weil sie eigentlich nur bei weißen Männern als Ausdruck akzeptiert wird. Mal versucht man vergeblich, die Wut zurückzuhalten, ein anderes Mal kommt sie heraus, obwohl sie hätte versteckt bleiben sollen.“
Es ist jene thematische Spannbreite, die das Stück so wertvoll macht. Einerseits durchlebt man während der Performance Eltern-Kind-Situationen, wie das Tadeln der Schützlinge, dass es nun endlich mit dem Fernsehen reicht, oder, dass nur eine Badebombe im Wasser verwendet werden darf. Andererseits zeigen einige Zitate die vielfältigen Hintergründe und Herausforderungen von Familien auf. Ob jemand mit einem oder zwei Schwarzen Elternteilen, in einer Großstadt oder in der Provinz, heute oder in den 80ern aufgewachsen ist, sei ein Unterschied, erklärt auch Korsinsky. Bei queeren Menschen müsse die Familiengründung zudem nicht nur bezahlt, sondern oft auch juristisch organisiert werden. Daraus würden sich automatisch neue Formen von Familie abseits heteronormativer Muster ergeben.
Zugleich lässt sich in den Tanzelementen auch ein Heilungsprozess erahnen, Themen anders zu bearbeiten als vorherige Generationen. „Alle Interviewten haben positiv auf die Zukunft geschaut. Das hat mich im Hinblick darauf, in welcher Zeit wir leben, sehr erstaunt“, so Korsinsky. Bemerkenswert ist diese Beobachtung vor allem, weil Optimismus, kreativer Tatendrang und Momente der Ruhe Dinge sind, die marginalisierten Personen von der Dominanzgesellschaft oft verwehrt werden.
Nach etwa einer Stunde findet das Stück selbst zu seiner verdienten Ruhe. Diese hält am Premierenabend nicht lange an. Der stehende Applaus, der folgt, erinnert an den Jubel bei gigantischen Sportveranstaltungen, bei denen die örtlichen Seismografen für ein paar Sekunden wild herumzucken. Es würde nicht wundern, wenn auch an diesem Abend in Friedrichshain-Kreuzberg ein kleines Erdbeben gemessen werden würde. Korsinsky und ihrem herausragenden Team gelingt ein Stück wie ein Sicherheitsraum, der seine Türen zugleich einladend für alle öffnet.
Erschienen am 3.7.2026

















