Theater der Zeit

Auftritt

Chamäleon Berlin: Eine Zeit wird kommen …

„Kintsugi“ von Machine de Cirque – Regie Olivier Lépine, Künstlerische Leitung Vincent Dubé, Technische Leitung (Inszenierung) Patrick Paquet, Kostümdesign Sébastien Dionne, Kostümdesign für Umbesetzungen Geneviève Bouchard, Bühnenbild Julie Lévesque, Musik Josué Beaucage

von Ralf Stabel

Assoziationen: Theaterkritiken Zirkus Berlin Chamäleon Theater

Emilia Dawiec und ihr Luftring in Kintsugi von „Machine de Cirque“ am Chamäleon Berlin.
Emilia Dawiec und ihr Luftring in Kintsugi von „Machine de Cirque“ am Chamäleon Berlin.Foto: Andy Phillipson

Mag sein, dass die Zeit alle Wunden heilt. Aber sie hinterlassen Narben. Wie damit umgehen? „Kintsugi“ heißt in Japan die Kunst, Zerbrochenes wieder so zusammenzufügen, dass die Bruchstellen nicht versteckt, sondern bewusst, mit Gold verziert, hervorgehoben werden. Im übertragenen Sinn könnte man sagen: Verletzungen sind auch dazu da, dass man sie annimmt, um mit ihnen zu leben.

Die kanadische Gruppe Machine de Cirque gibt nun ihr Debüt mit „Kintsugi“ in der Regie von Olivier Lépine im Berliner im Berliner Chamäleon Theater. Die Inszenierung ist in drei Akte, Tage und viele Unterkapitel gegliedert. Die Stimmung der Szenen wird über Zitate eingeleitet. Das Eingangs- und wiederkehrende Zitat von Albert Camus lautet: „Eine Zeit wird kommen, in der wir trotz all der Schmerzen leicht, freudig und wahrhaftig sein werden.“

Ausgangspunkt des Abends ist also die Frage: „Was lässt uns angesichts persönlicher Krisen und Herausforderungen den richtigen Weg finden?“ Die Inszenierung ist „eine bildgewaltige und emotionale Reise, deren Ende nur gemeinsam, in Solidarität und Miteinander, erreicht werden kann.“

Akrobatisch gesehen sind an diesem Abend die wesentlichen Genres vertreten: Partner- und Gruppenakrobatik, Schleuderbrett, Chinese- und Perch-Pole, Luftring und Hair Hanging, Duo-Trapez und Vertikalseil und selbstverständlich auch Tanz. Doch es gibt keinen Trommelwirbel mit Tusch für halsbrecherische Aktionen. Die Darbietungen werden nicht spektakulär aneinandergereiht, um bewundert zu werden. Stattdessen werden mit diesen künstlerisch geformten Bewegungen Geschichten über unser bewegtes Dasein präsentiert – mal ruhig und besonnen, mal wild und ungestüm. Man muss sein Medium beherrschen, um damit so schau-spielen zu können. Und das können die Darsteller:innen auf hervorragende Weise. Es sind Maude Arseneault, Emilia Dawiec, Todd Degnan, Clémence De Luca, Damien Descloux, Katherina Dzialas, Francis-Olivier Girard, Marie-France Huet, Naomie Vogt-Roby.

Nach dem Entrée mit Schleuderbrett gibt es eine Ankunftsszene. Alle neun Darsteller:innen erscheinen mit Koffern an einer Art Bus-Wartehäuschen: eine Station, die das Kommen und Gehen, das Werden und Vergehen unseres Lebens symbolisiert. Aber es passiert nichts – bis Emilia Dawiec ihren Luftring ergreift und die Aufmerksamkeit aller in ihren Bann zieht. Im zweiten Kapitel werden Dokumente an ein Paar und eine einzelne Frau verteilt. Es könnten Diagnosen sein oder auch Ultraschallbilder vom werdenden Leben.

Wenn ich eine Darbietung hervorheben sollte, wäre es die am Duo-Trapez. Eingeleitet wird sie dadurch, dass Clémence De Luca in einem Krankenbett liegt und von Katherina Dzialas aus diesem emporgehoben wird. Das Zusammenspiel dieser beiden Künstlerinnen ist ein beeindruckendes Abbild von Zuneigung und Vertrauen, von Zusammengehörigkeit und Freundschaft. Aktionen wie das an den Händen Halten, das einander Fangen und Zueinander-Hochziehen, das einander Umarmen erhalten durch die szenischen Situationen ihre zwischenmenschlichen Konnotationen. Unterstützt wird das intime Setting dadurch, dass diese Darbietung im Zuschauerraum stattfindet und durch die ungewöhnliche Nähe auf besondere Weise eindrücklich wird.

Wenn schlussendlich Damien Descloux auf dem Dach des kleinen Wartehäuschens sitzt und Trompete spielt, bekommt das Ende etwas Surreales, mit seinen sanften Tönen in eine unendliche Weite Weisendes.

Die Inszenierung erzählt von der Präsenz im Moment und macht klar: Wir leben stets im Augenblick. Alles, was wir haben, besitzen wir mit der Gefahr, dass es verloren gehen könnte, und alles, was gerade noch „heil“ ist, kann im nächsten Moment zerbrochen sein. Damit umzugehen, bestimmt unser Hiersein. Man kann sich bei all dem etwas denken, man kann es aber auch lassen und den Abend einfach in seiner stillen Besinnlichkeit auf sich wirken lassen.

Ich habe selten erlebt, dass das, was eine Gruppe vorgibt, darstellen zu wollen, so intensiv szenisch und emotional wahrnehmbar wurde wie bei „Kintsugi“.

Erschienen am 10.9.2026

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