Kampnagel/Thalia Theater Hamburg: Zorn mit Wohlfühlfaktor
„Das Wutschwert muss man herausziehen, bevor es weitergeht“ von Meine Damen und Herren mit Gob Squad (UA) – Outside Eye Sina Schröppel, Simon Will, Technische Leitung und Bühnenbild Henrik Weber, Kostüm Janne S. Plutat, Video 17 MOTION – Lutz Auhage, Sebastian Ganser, Frederik Hinze, Iskender Kökçe, Alexander Schwendemann, Musik Ensemble, Christoph Grothaus
Assoziationen: Theaterpädagogik Theaterkritiken Sprechtheater Kritiken Hamburg Dossier: Inklusion Kampnagel Thalia Theater

Die Wut ist etwas in Misskredit geraten, seit 2010 der Wutbürger die Bühne der Öffentlichkeit betreten hat. Doch dessen pauschales, zunehmend populistisches Pöbeln gegen „Altparteien“, „Systempresse“ und das sogenannte „Establishment“ gleicht eher einem blinden Wüten und ist unbedingt zu unterscheiden von gerechtem Zorn. Seinem Ärger Luft zu machen, über soziale Ungerechtigkeit oder die Zerstörung von Umwelt und Natur zum Beispiel, kann mitunter kathartische Wirkung entfalten; und vor allem: produktiv werden, wenn daraus entsprechendes Engagement folgt. Wir kommen darauf zurück!
Den Performer:innen in „Das Wutschwert …“ jedenfalls steht ihre Wut gut. Sie präsentieren sie wie auf einer Modenschau, paradieren quer über die Bühne, die sich so in einen Laufsteg verwandelt, auf dem eine komplette Kollektion von Empörungsanlässen präsentiert wird. Den Fashion-Show-Host gibt dabei Sean Patten vom Künstler:innen-Kollektiv Gob Squad. Die „Trendfarbe“ auf diesem Catwalk, also der Grundton des Unmuts, ist die Wut angesichts von Diskriminierung und Ausgrenzung. Das kommt kaum überraschend. Denn die Mannequins, die Patten vorstellt, müssen immer wieder entsprechende Erfahrungen machen, gehören sie doch mehrheitlich dem Ensemble Meine Damen und Herren an, in dem Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam Theaterabende entwickeln. Für „Das Wutschwert …“ haben sie sich die Unterstützung der deutsch-britischen Veteranen des postdramatischen Theaters geholt.
Um symbolisch Dampf abzulassen, pusten die Models mit Haarföhns heiße Luft in riesige Müllsäcke, die sie wie schwere Pelzmäntel über die Schultern geworfen haben. Die Kleidung, die sie dazu tragen, sieht aus, als hätten sie einen Altkleidercontainer geplündert, der mit 80er-Jahre Sportswear vollgestopft war: kurze Turnhöschen über Leggins, Tennissocken, Trainingsjacken aus Ballonseide und dergleichen. Bunt, aber abgetönt, alles Grelle vermeidend. Und damit passend zu einem Theaterabend, der das Thema Wut im Wohlfühlambiente verhandelt. Hier sagt alles: Calm down!
Anfangs steht ein Miniaturvulkan inmitten der Spielfläche im Thalia Gaußstraße, wo diese Produktion des Kulturzentrums Kampnagel Unterschlupf gefunden hat, weil gerade mit der Sanierung von dessen Stammhaus begonnen worden ist. Aus der rotglühenden Spitze des brodelnden Bergs zieht Tom Reinecke, kostümiert als Superheld mit Schweißstirnband und begleitet von dramatischer Actionfilmmusik, das titelgebende Wutschwert heraus. Damit wäre offenbar das Schlimmste verhindert und die Gefahr eines Wut-/Vulkanausbruchs fürs Erste gebannt. Der Rest ist Entspannung.
Eine Snoezelen-Ecke aus mit weißen Laken überzogenen Stufen lädt die Performenden zum bequemen Herumlümmeln zwischen Gymnastikbällen ein, die ihrerseits einen recht relaxten, weil erschlafften, um einen erheblichen Teil ihrer Luft erleichterten Eindruck machen. Diskutiert und demonstriert werden in diesem reizarmen Raum, der für innere Ruhe sorgen soll (Bühne Henrik Weber), Methoden, die Wut in Schach zu halten. Gegenstände, die dazu angetan sind, Aggressionen auszulösen, kommen in Slowmotion-Videos unter den Vorschlaghammer. Smartphones, Gartenzwerge usw. zersplittern im Zeitlupentempo.
Das Publikum wird eingeladen, sich an Übungen zur Impulskontrolle zu beteiligen. Die Angebote reichen vom Ausmassieren des Ärgers übers Zähne-Zusammenbeißen bis hin zum Meditieren. Dieses Mitmachtheater ist manchmal lustig, oft ein wenig läppisch und spätestens dann mit hohem Fremdschamfaktor behaftet, wenn alle zum Tanz gebeten werden und die ballermannhitverdächtigen Zeilen „Die Wut muss raus, sonst rast ich aus!“ anstimmen sollen. Schon klar, das ist bewusst trashig, und Selbstironie ist ja auch ein durchaus probates Mittel, Wut einzudämmen, eh sie zu heftig hochkocht.
Nur fragt man sich mit fortschreitender Spieldauer, ob solche Bewältigungsstrategien immer der adäquate Umgang mit überschäumenden Emotionen sind. Wut ist ja nicht nur ein Gefühl, von dem man sich möglichst frei machen sollte. Wut kann auch befreiend wirken und so zum Motor von Veränderung werden. Kurzum: Es wäre fatal, Wut stets einfach nur wegzuatmen und damit den Falschen zu überlassen – den reaktionären Wutbürgern, die ihre Besitzstände und Privilegien mit Zähnen und Klauen zu verteidigen versuchen. Wut kann empowern und anstiften zum aktiven Einsatz gegen die Feinde sozialen Fortschritts. Doch von dieser Kraft vermittelt „Das Wutschwert …“ allenfalls eine leise Ahnung. Wenn etwa die energische Merle Handzsuj einen eindringlichen Song performt über ihre Wut auf eine Gesellschaft, die sie klein hält, wird sehr deutlich, dass ihre Geduld aufgebraucht ist. Deutlich mehr von solchen Momenten hätten der Aufführung gut angestanden. So aber bleibt dieser durchaus sympathische Abend durchwegs harmlos.
Beruhigend für den Kritiker: Begeisterte Zuschauer:innen, die mit dem hier formulierten Urteil rein gar nicht einverstanden sind, haben ausreichend Methoden an die Hand bekommen, wie sie ihren Brass in den Griff kriegen können.
Erschienen am 21.10.2026


















