Auftritt
Deutsche Oper Berlin: „Ist das alles vielleicht Quatsch?“
„Mittwoch aus Licht“ von Karlheinz Stockhausen (DE) – Musikalische Leitung Maxime Pascal, Regie Susanne Kennedy, Bühnenbild Markus Selg, Kostüme Andra Dumitrașcu, Licht Marcel Weber/MFO, Klangprojektion Florent Derex
Assoziationen: Musiktheater Theaterkritiken Berlin Susanne Kennedy Deutsche Oper Berlin

„Ich bin auf Sirius ausgebildet worden und will dort auch wieder hin, obwohl ich derzeit noch in Kürten bei Köln wohne“, sagte Karlheinz Stockhausen einst in einem Interview. Und: „Auf Sirius ist es sehr geistig. Zwischen Konzeption und Realisation vergeht kaum Zeit. Was man hier als Publikum kennt, passive Beisitzer, gibt es dort gar nicht. Da ist jeder kreativ.“ Vor diesem Hintergrund hätte man sich für den 2007 verstorbenen Karlheinz Stockhausen, der sich als „Radioapparat Gottes“ verstand, gewünscht, dass die deutsche Erstaufführung seiner Oper „Mittwoch aus Licht“, des dritten Teils der Heptalogie „Licht. Die sieben Tage der Woche“, nicht an der Deutschen Oper Berlin, sondern auf Sirius, dem hellsten Stern des Nachthimmels, stattgefunden hätte. Die Schwingungen aus dem All übertrugen sich nämlich nicht auf das Publikum. Unter den freundlichen Applaus mischten sich viele Buhs. Die Kommentare in der Pause reichten von „bescheuert“ über „nicht jedermanns Geschmackssache“ bis „jetzt haben wir es bald geschafft“. Manche Reihe des ausverkauften Opernhauses lichtete sich und in Trance, wie es sich Regisseurin Susanne Kennedy gewünscht hätte, geriet niemand, allenfalls in ein kleines Nickerchen, wie der junge Mann auf dem Sitz nebenan. Das lag nicht an den fantastischen Instrumentalsolist:innen, dem Chor der Deutschen Oper unter Jeremy Bines oder den Performer:innen. Auch nicht an den exzellenten Musiker:innen des französischen Spezialisten-Ensembles „Le Balcon“ bzw. ihrem Dirigenten Maxime Pascal, den man nicht sah, der aber im Hintergrund die Klangregie führte. Einen Orchestergraben gab es nicht. Es lag am Werk und an seinem Inhalt. „Mittwoch aus Licht“ ist „allen Fantasten, Astronauten und dem Heiligen Michael gewidmet“.
Stockhausens verschwurbeltes, fast schon peinlich pathetisches (im Übrigen streng urheberrechtlich geschütztes!) Da-Da-Ga-Ga-Libretto ist eine Mischung aus banalen Alltagsfloskeln, Fantasiesilben und pseudoreligiösen esoterischen Texten aus dem „Urantia-Buch“. Fest steht: Gelb ist die Farbe des Mittwochs. In der ersten Szene, die sich „Weltparlament“ nennt, diskutiert der Chor in hellen burkaähnlichen Gewändern (Kostüme: Andra Dumitrascu) an gelben Pulten und vor einem steinernen archaischen Hochaltar, hinter dem KI-Videoprojektionen von Explosionen, Raketen und Tempelmauern laufen (Bühnenbild: Markus Selg), über das Wohl der Menschheit und die „kosmische“ Solidarität. Als Präsident der Versammlung agiert Chordirektor Bines vom gelben Ambo aus, dem erhöhten Lesepult in christlichen Kirchen. Fünfzig Minuten lang wird über die Liebe und den Frieden im Universum gefaselt, unterbrochen von den strahlenden Koloratureinsätzen von Rachel Pinevska. In der zweiten Szene wimmert, stottert und blökt es in den Monologen der „Orchester-Finalisten“. Im Finale „Michaelion“ tagt ein intergalaktisches Parlament. Der „Operator“ (Robin Adams: markig und kraftvoll und ganz in Gelb) deklamiert mit dem Chor kryptische Texte über die Vereinigung des Kosmos. Ein Plüschkamel wird zum Präsidenten gewählt. In den Videoprojektionen hinter dem Altar sieht man jetzt gotische Kathedralen, bunte Vogelschwärme, Flugzeugträger, orientalische Märkte, fliegende Kinder, Elefanten und zwischendurch zwei Ziegen. Dazu Meer, Himmel, Sonnenuntergänge. Mitunter kitschig.
Spektakuläres Herzstück der Oper ist die dritte Szene mit dem sogenannten Helikopter-Streichquartett. Bei der Premiere von „Mittwoch aus Licht“ in Birmingham 2012 saßen die vier Mitglieder eines Streichquartetts in vier hoch über dem Publikum live (!) kreisenden Hubschraubern. Zwanzig Minuten lang tremolierten sie auf ihren Instrumenten zu den synchronisierten Geräuschen der Rotorenblätter. Für die Berliner Produktion kreisten die Hubschrauber lediglich über den Brandenburger Wald. Der Gag war keiner mehr, denn das Publikum bekam nur ein Video zu sehen. Und Ohrstöpsel verabreicht. „Ist das alles vielleicht Quatsch?“, heißt es an einer Stelle in Stockhausens Libretto in einem der wenigen selbstironischen Momente. „Licht ist das Ziel, das man nach dem Tode erreichen muß, die Substanz selbst des universalen göttlichen Seins“, sagte Stockhausen in einem Interview von Le Monde 1984. Zu seinem 100. Geburtstag im Jahre 2028 trägt man sich in der Deutschen Oper mit dem Gedanken, so war es jedenfalls zu hören, das gesamte 29-stündige Opus magnum aufzuführen.
Erschienen am 23.9.2026
















