Theater der Zeit

Auftritt

Theater Magdeburg: Purgatorischer Dschungel

„Die Holländerinnen“ von Dorothee Elmiger (UA) – Regie Clara Weyde, Bühne Bettina Pommer, Kostüm Clemens Leander, Musikalische Leitung, Komposition, Sounddesign Thomas Leboeg, Field-Recordings Hannah Lammel, Video Meika Dresenkamp

von Lina Wölfel

Assoziationen: Sachsen-Anhalt Theaterkritiken Clara Weyde Theater Magdeburg

Die Uraufführung von „Die Holländerinnen“ in der Regie von Clara Weyde am Theater Magdeburg
Die Uraufführung von „Die Holländerinnen“ in der Regie von Clara Weyde am Theater MagdeburgFoto: Kerstin Schomburg

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„Die Holländerinnen“ von Dorothee Elmiger gewann 2025 den Deutschen Buchpreis. Dieses Jahr wird er an acht Theatern aufgeführt. Der Roman erzählt von einer namenlosen Schriftstellerin (hier gespielt von Nora Buzalka), die Jahre später in einer Poetikvorlesung von einer verstörenden Reise nach Panama berichtet. Sie war eingeladen worden, ein Theaterprojekt zu begleiten, das das ungeklärte Verschwinden zweier niederländischer Touristinnen im Dschungel 2014 nachstellen und künstlerisch erforschen will.

Im Roman wird die Geschichte den Leser:innen als Vortrag, als Poetikvorlesung erzählt. Für ihre Bühnenfassung der Uraufführung belässt Schauspieldirektorin und Regisseurin des Abends Clara Weyde gemeinsam mit Dramaturg Bastian Lomsche bei keiner bloßen Dramatisierung des Textes, sondern versucht sich an einer werknahen und zugleich theatral reorganisierten Übertragung. Besonders auffällig ist dabei die Nähe der Fassung zu Elmigers Sprache selbst. Die Zeitform – Konjunktiv I –, wiederkehrende Sätze, wie „Man müsse dies alles im Kontext der Holländerinnen betrachten“, die Aufzählungs- und Protokollformen, die Verknüpfung disparater Geschichten sowie die Abwehr einer finalen „Auflösung“, organisieren den Abend von einer semantischen Schnitzeljagd durch die Unmöglichkeit der Erzählung, die Unmöglichkeit der sprachlichen Ordnung und Sinngenerierung, hin zu einer Unmöglichkeit des Theaters selbst.

Um die Geschichte zu erzählen, beginnt die Magdeburger Inszenierung auf einer leeren Bühne mit sechs Autorinnenfiguren, die ihre Reise in die Tropen vorzeitig abbrechen, weil die überwältigende, vitale Natur sie sprachlos macht. Sie bezeugen die Unmöglichkeit, das Reale und den Tod in Worte zu fassen. Allmählich werden aus diesen Fragmenten der Schriftstellerinnen die Romanfiguren. Und da fällt ein schwarzer, dichter Volantvorhang von der Decke (Bühne Bettina Pommer), verengt den Raum, schön und schaurig gleichzeitig. Projektionen zeigen Lianen, hohe Kapokbäume, dichtes Blattwerk. Dazu zaubert Thomas Leboeg (Musikalische Leitung, Komposition, Sounddesign) eine beeindruckend sinnliche Soundcollage, lässt den Regen über unseren Köpfen prasseln, Kapuzineraffen brüllen und die Winde wehen. Die Atmosphäre verdichtet sich. Willkommen im Dschungel. Doch schnell wird klar, dass es sich nicht um einen paradiesischen Erholungstrip handelt. Das Unbehagen hängt im Raum.

Einmal angekommen, verfolgt der Theatermacher die obsessive Idee, das Verschwinden der Frauen dokumentarisch zu reinszenieren. Er bringt theoretische Diskurse, Zitate von Jacques Lacan, Verweise auf bekannte Gewaltexzesse von Klaus Kinski und Co. Seine „Geschichten“ sind durchtränkt von Regieanweisungen und Machtansprüchen. Er fordert die Truppe explizit auf, von Gewalt, Zähmung und der Beherrschung der Natur zu berichten, um dem Dschungel eine menschliche Struktur aufzuzwingen. Iris Albrecht karikiert diesen Theatermacher breitbeinig als wahnhaft überzeichnetes Künstlergenie.

Ein starkes Ensemble: die UA des mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneten Roman „Die Holländerinnen“ am Theater MagdeburgFoto: Kerstin Schomburg
Die Oberflächlichkeit der westlichen Diskurswelt anhand des Schinkens: die Uraufführung von „Die Holländerinnen“ in der Regie von Clara Weyde am Theater MagdeburgFoto: Kerstin Schomburg

Seinen Anweisungen folgend, sitzen die Mitglieder der Gruppe an einer langen Tafel, rauchen, trinken und erzählen einander des Nachtens Geschichten gegen die Angst. Geschichten, die am Ende jedoch immer von Gewalt, existenziellen Brüchen, Tod und schlichtweg der Angst selbst handeln. Da ist die dem Theatermacher nachhechelnde Produktionsassistentin, gespielt von Luise Hart, die zunächst auf einer riesigen Keule vom Ibérico-Schwein reitet und später davon erzählt, wie sie die Abgründe der Menschen bei einer Dinnerparty in Charlottenburg gesehen habe, die emotionale Kälte und die fragmentierten, bedeutungslosen Konversationen der westlichen Kultur, die im Angesicht der tropischen Wildnis wie ein hohles Konstrukt wirken. Da ist eine Schweizerin (Sophia Vogel), die als Ferien-Hirtin mit zahlreichen Totgeburten in einer Ziegenherde und dem Kontrollverlust über das Leben konfrontiert war. Da ist ein Dokumentarfilmer namens Tepper (Marie-Joelle Blazejewski), der die Domestizierung von Wildpferden filmte, der eine präzise Metapher für das gesamte Theaterprojekt liefert: der Versuch, das Wilde, Unberührte und Unberechenbare (sei es ein Pferd, der Dschungel oder das Schicksal der toten Holländerinnen) einzufangen, zu filmen und gefügig zu machen.

Doch die Expedition gerät zunehmend aus dem Ruder: Die Erzählerin entfernt sich allein von der Gruppe, erlebt den Wald als bedrohlich und bricht das Projekt schließlich ab. Eine Aufklärung des ursprünglichen Falls gibt es nicht. Ein Mädchenchor kommt an und singt Franz Schuberts „Der Leiermann“ aus dessen „Winterreise“. Wer regelmäßig Horrorfilme schaut, weiß, wenn Kinder auftreten, verdichtet sich das Unheil.

In Magdeburg löst sich der abschließende Marsch in den Dschungeln in einer requiemhaften Beschwörung im Urwald auf. Die Darstellerinnen stehen in Kreisformation, geben mantraartig wieder: „Nicht auch in diesem unwegsamen Dschungel verschwinden. Nicht auch in diesem unwegsamen Dschungel verschwinden“, sprechen chorisch, versuchen, sich mit ihrem Anatmen Mut zuzusprechen, wenngleich es doch nur ihre Erschöpfung wiedergibt. Ihr Make-up wirkt durch Plastikmasken wie im Regen grotesk verlaufen sie tragen unheilsam an Totengewänder ähnelnde Kleider (Kostüm Clemens Leander).

Insgesamt ist der Abend natürlich weniger ein Krimi als eine Reflexion darüber, wie Menschen Gewalt, Angst und Ungewissheit in Geschichten verwandeln – und wo diese Erzählversuche scheitern. Darin liegt eine düstere, vielstimmige Erzählung über Projektionen, koloniale Blicke, Theater und die Grenzen des Darstellbaren. Und genau hier liegt eigentlich auch schon die große Schwierigkeit: Die Erzählerin misstraut dem Theater als Form, den Möglichkeiten des Erzählens selber, beschwört ihr eigenes Scheitern daran, das Grauen durch Sprache bebildern zu können.

Die Inszenierung nähert sich dem durch eine semiotische Überreizung an. Hier blitzt das Ibérico-Schwein auf, da die Micky Maus, dort ein Klavierspiel hinter der Gaze, alles verweist auf ein späteres Wiederauftauchen. Man möchte schreiben, der Abend sucht keine einfachen Antworten, sondern stellt die großen Fragen: Ja, warum sind die Geschichten, die wir uns erzählen, so durchtränkt von Gewalt? Warum bringt der Versuch, das Chaos der Welt zu ordnen, eine zwanghafte, sich selbst zersetzende Ordnung hervor? Ein Blick in die Wissenschaft hätte da sicher geholfen, diesen dichten, verkopften Abend von seinem künstlerischen Ego zu entlasten. Gewalt ist in vielen Geschichten präsent, weil sie Aufmerksamkeit erzeugt, Konflikte zuspitzt und starke Gefühle wie Angst, Empörung, Mitgefühl oder Erleichterung auslöst. Sie macht Machtverhältnisse, Schuld, Bedrohung und Fragen von Gerechtigkeit schnell erzählbar – zugleich erlauben fiktionale Formen, solche Extremerfahrungen in sicherer Distanz zu durchleben. Wissenschaftlich lässt sich daraus aber weder ableiten, dass Menschen Gewalt „mögen“, noch dass Gewaltfiktion automatisch gewalttätig macht. Daran, dass man eine großartig atmosphärische Geschichte mit einem überragenden Ensemble sehen kann, ändert das aber nichts.

Erschienen am 22.9.2026

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