Auftritt
Tiroler Volksschauspiele Telfs: Zerrissene Heimat
„Feuernacht“ von Felix Mitterer – Bühnenfassung Peter Lorenz, Regie Thomas Gassner, Bühne Raphael Hanny, Musik Herbert Pixner, Video Provisuals
von Bernhard Doppler
Assoziationen: Österreich

Auf der Freilichtbühne das Setting einer Filmproduktion: die Ruine eines Hauses, dessen vordere Außenwand bereits abgerissen wurde. Man kann also in die Zimmer dreier Stockwerke blicken; in der Mitte ist Platz für eine große Leinwand, auf der in Schwarz-Weiß gedrehte Szenen, aber auch Livevideos zu sehen sein werden. Vor der Ruine ein hoher Schutthaufen (Bühne Raphael Jonathan Hanny). Das Gebäude gehörte zu der 1940 errichteten Telfser Südtiroler Siedlung. Ein Kran steht bereits neben der Ruine; sie wird im Herbst endgültig abgerissen werden.
„Feuernacht“ ist der dritte Teil einer Fernsehserie in vier Folgen von Felix Mitterer, ausgestrahlt 1989 bzw. 1994; in einer Fassung von Peter Lorenz wurde er nun für die Freilichtbühne eingerichtet. Der erste Teil „Verkaufte Heimat“ war bereits 2019 von den Tiroler Volksschauspielen für die Bühne adaptiert worden, eine legendäre Inszenierung von Klaus Rohrmoser, die lange auf eine Fortsetzung gewartet hatte. Deutsche und ladinische Südtiroler hatten sich zwischen Mussolini und Hitler zu entscheiden, ob sie im italianisierten Südtirol bleiben oder ins nationalsozialistische Deutschland auswandern wollten. 85 Prozent votierten 1939 bei einer Abstimmung, der „Option“, für das „Aussi-Gehen“.
„Feuernacht“ spielt nun mehr als zwanzig Jahre später. In der Nacht vom 11. auf den 12. Juni 1961 waren 37 Hochspannungsmasten gesprengt und damit viele oberitalienische Betriebe lahmgelegt worden: Die Weltöffentlichkeit sollte dadurch auf die Autonomiebestrebungen der Südtiroler aufmerksam gemacht werden. Es war der Höhepunkt der terroristischen Anschläge des BAS (des Befreiungsausschusses Südtirols). Die Attentäter, oft heimatverbundene Bauern und Widerstandskämpfer, wurden jedoch bald von radikalen Burschenschaftlern und Neonazis aus Deutschland und Österreich instrumentalisiert und unterwandert. Der italienische Staat wiederum reagierte mit jahrelangem Gefängnis und brutaler Folter in den Carabinieri-Kasernen.
Vorgeführt wird also ein Tiroler Passionsdrama. Vielleicht beginnt deshalb die Aufführung liturgisch mit einer Prozession, angeführt von einem Geistlichen, hin zu einem riesigen Stahlkreuz. Vor allem greifen die Volksschauspiele mit einer explizit politischen Thematik auch auf ihre Gründungsidee zurück und das mit so großem Aufwand, dass es 2026 zum ersten Mal in Telfs – sieht man von der Marathonlesung von Joseph Roths „Flucht ohne Ende“ ab – die einzige Produktion bleibt, auf die man sich ausschließlich konzentrierte.
Die Tiroler Volksschauspiele wollten bei ihrer Gründung in den 1980er Jahren das sozial-politische Volksstück aufwerten, gleichzeitig aber auch die in Tirol sehr reichhaltige Volkstheaterszene einbinden. Amateurtheatergruppen und Schauspielprominenz von Exil-Tirolern aus München, Berlin und Wien, die in den Sommermonaten auf Heimaturlaub kamen, sollten sich in Telfs gegenseitig befruchten.
„Feuernacht“ erzählt die Geschichte Südtirols aus der Perspektive dreier Familien, den Tschurschentalern, den Magalones und den Rabensteinern, die sich in der Mussolini-Zeit „Pietracorvos“ nennen mussten. Traditionsverbundene Bauern einerseits, aber auch ein proitalienischer in Italien studierender Sohn (Fabian Mair Mitterer). Es sind dreißig gleichgewichtige Figuren, von denen keine auffällig hervorstechen soll. Wie bei einer Soap lernt man so das Schicksal vieler Einzelner kennen: bei konspirativen Treffen, bei Verhören, wie sie sich gegenseitig decken, wie sie einander verraten.
Die Inszenierung von Thomas Gassner lässt dabei an einen Western oder Politkrimi denken: Heftige Schießereien knallen, Folter und Verhöre gibt es im Keller, ein betrunkener Carabiniere torkelt über die Straße. Mopeds und Autos fahren vor der Ruine vor. Zwischen die Familien mischen sich aber auch weitere Personen: ein Filmemacher, der im Terrorismus einen spannenden Filmstoff sieht, ein schmieriger österreichischer Zeitungsverleger (Franz Weichenberger), ein italienischer Geheimagent, aber auch ein um seine Gemeinde besorgter Dorfpfarrer (Thomas Wiedemaier).
Neben den Berufsschauspielern – kaum unterscheidbar – Laiendarsteller aus dem Theaterverband Tirol, neben den Nordtirolern viele Südtiroler, wie die Band von Herbert Pixner. Sie ist in einem Zimmer im zweiten Stock der Ruine platziert, Pixners Komposition kommentiert dezent, gefühlvoll das Geschehen.
Telfs ist im Sommer Ort einer nach Hause kommenden Theaterfamilie. So spielen auch die Söhne des Intendanten Gregor Bloéb und seines Bruders Tobias Moretti, Lenz Moretti und Gustav Bloéb mit. Tiroler, so scheint es, unter sich. Es braucht auch keine Übertitel, wenn in „Feuernacht“ meist tirolerisch oder italienisch gesprochen wird.
Erschienen am 4.8.2026















