Auftritt
Gerhart-Hauptmann-Theater Görlitz-Zittau: Leise gegen den Krieg
„Dalton Trumbo’s: Johnny zieht in den Krieg“ von Dalton Trumbo, Deutsch von Johanna Wais, Bearbeitung von Bradley R. Smith – Regie Jimena Echeverri Ramirez, Bühne Mario Wenzel, Musik/Sounds Mark Reeder & Micha Adam
von Bernhard Doppler
Assoziationen: Theaterkritiken Sachsen Jimena Echeverri Ramírez Gerhart-Hauptmann-Theater Görlitz-Zittau

Der Held des Abends „Johnny zieht in den Krieg“ heißt gar nicht Johnny, sondern Joe, Joe Bonham. Der Name Johnny im Titel von Dalton Trumbos Antikriegsroman, der diesem Monodrama zugrunde liegt, spielt auf eine militärische Werbekampagne beim Eintritt der USA in den Ersten Weltkrieg an. „Johnny get your gun“ war der Beginn des 1917 überall gespielten Propagandasongs „Over there“. Mit dem Verweis auf die Militäranwerbung ist „Johnny get your gun“ aber durchaus auch heute wieder ein politisch brisanter Stoff: ein Protest gegen aktuelle Werbemaßnahmen des Bundesministeriums für Verteidigung, in denen den Jugendlichen wie damals Aufstieg und Selbstwertgefühl in der Bundeswehr versprochen werden. Am Gerhart-Hauptmann-Theater Zittau war jedenfalls schon 2024 ein Banner „Die Waffen nieder!“ gehisst worden, und Bertha von Suttners Aufforderung ist auch als Plakat nach wie vor an den Fenstern beim Eingang ins Theater zu sehen.
Trumbos Roman, am 3. September 1939, also unmittelbar nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs erschienen, war während des Vietnamkriegs neu entdeckt worden, und auch da sehr brisant, so sehr, dass Trumbo 1971 seinen eigenen Roman in Eigenregie verfilmte. Der in der McCarthy-Ära wegen „unamerikanischer Umtriebe“ zu zehn Monaten Gefängnis verurteilte und danach zwei Jahre im mexikanischen Exil lebende Trumbo war nun wieder rehabilitiert, geehrt und ins US-Filmgeschäft aufgenommen worden.
Der Roman ist formal vor allem durch seine radikale Reduktion hochambitioniert: Obwohl handlungsreich, ist er der innere Monolog eines Soldaten, dem sowohl Beine als auch Arme amputiert sind. Joe Bonham hat auch Augen, Ohren und Nase verloren und kann bestenfalls einige Morsezeichen, etwa für „Hilfe“, von sich geben oder spüren, wenn ihm Besucherinnen im Krankenhaus Buchstaben auf seinen Rumpf zeichnen.
In Dalton Trumbos Verfilmung wechseln Schwarz-Weiß-Sequenzen und Szenen in zwei unterschiedlichen Farbtönen, um Kindheitserinnerungen, surreale Traumsequenzen und Szenen im Krankenhaus voneinander zu trennen. Im Theater herrscht hingegen vor weißen Wänden ohne Mobiliar (Bühne: Mario Wenzel) völliger Minimalismus. Man ist an die Bühne Sebastian Hartmanns in seiner Potsdamer „Serotonin“-Inszenierung erinnert. „Dalton Trumbo’s: Johnny zieht in den Krieg“ lässt sich einem theatralischen Archetypus zuschreiben: der Klage und dem Selbstgespräch von Protagonisten, die jeder Beweglichkeit beraubt sind, vom „gefesselten Prometheus“ des Aischylos also etwa bis zu Samuel Becketts in Mülltonnen oder Sandbergen steckenden Figuren. Ist mein vollkommen amputierter Körper vielleicht als Kuriositätenstück verwertbar, das am Jahrmarkt herumgeführt werden kann? Oder bin ich ein Demonstrationsobjekt medizinischer Forschung, sinniert der Restkörper des Joe Bonham. Im Gegensatz zum Film, wo dieser Körper, vollkommen verhüllt, auf dem Krankenbett liegt und insofern eine Leerstelle darstellt, während viele Personen – Krankenhauspersonal, Erinnerungs- und Traumfiguren, ja sogar Jesus (gespielt von Donald Sutherland) – um Joe herum agieren, sieht man im Theater nur Joe Bonham als einen schlanken Mann, sportlich und noch recht jung, also ihn in früher Gestalt so, wie der Rumpfkörper sich wohl in seinen Erinnerungen selbst sieht. Bloßfüßig tänzelt er über die leere Bühne, auf der auch kein Krankenbett hereingeschoben wird. Bisweilen setzt er seinen Militärhelm auf. Wirkt er nicht beinahe zuversichtlich? Manchmal vergewissert Joe sich, ob er noch richtig, wie er es im Matheunterricht gelernt hat, zu multiplizieren weiß. „Vier mal vier ist sechzehn.“ Dann wieder erinnert er sich an seine Kindheit, seine Geschwister oder recht liebevoll an Angelausflüge mit seinem verstorbenen Vater. Dezent aus dem Hintergrund weiß die Komposition von Mark Reeder hin und wieder die Szenen zu überhöhen und sie so ins Surreale kippen zu lassen. Jonas Maria Lubisch – im Sommer in Zittau Shakespeares Romeo – vermeidet dabei expressive Ausbrüche. Poesievoll und gleichzeitig unsentimental, fast leise, ja jugendlich naiv erscheinen die Erinnerungen und Erwartungen an das Leben. Eine imponierende, berührende Leistung. Jimena Echeverri Ramirez scheint durch den konsequenten Minimalismus ihrer Inszenierung als Regisseurin zurückzutreten, aber die starke Präsenz des jungen Schauspielers verdankt sich wohl vor allem ihrer Regiearbeit.
Erschienen am 21.10.2026
















