Theater der Zeit

Auftritt

Kölner Kinderoper: Ein ganzes Opernhaus für Kinder

„Der König verschenkt was“ von Philipp Matthias Kaufmann und und Martin Baltscheit – Musikalische Leitung Rainer Mühlbach, Inszenierung Brigitta Gillessen, Bühne und Kostüme Jens Kilian

von Richard Lorber

Assoziationen: Kinder- & Jugendtheater Kritiken Nordrhein-Westfalen Musiktheater Brigitta Gillessen Oper Köln

Ferhat Baday als König in: „Der König verschenkt was“
Ferhat Baday als König in: „Der König verschenkt was“Foto: Thilo Beu

Die Kölner Kinderoper befindet sich tief unter der Erde. Man erreicht sie über zwei lange Stiegen, die wie geometrische Skulpturen doppelhelixartig in das helle Treppenhaus eingebaut sind. Von oben hängen tropfenförmige Plastiken, die an Gebilde von Jeff Koons erinnern. Unten angekommen, steht man vor einem großen goldfarbenen Zylinder, hinter dem sich das „Haus“ verbirgt. Dort kann man auf sanft geschwungenen, ebenfalls goldgelb gepolsterten Bänken Platz nehmen. Der Publikumsraum setzt sich auf einer Empore fort. Überall ist man nah an der Bühne, obwohl sie vom Zuschauerraum durch einen echten Orchestergraben getrennt ist. Zweihundert Kinder und Erwachsene finden dort Platz. Die Akustik ist sehr gut, wie sich bei der ersten Produktion, der Uraufführung der Kinderoper „Der König verschenkt was“, herausgestellt hat. Der Klang der Instrumente ist zwar sehr direkt, deckt die Stimmen auf der Bühne aber nicht zu, obwohl das Bühnenbild nur von einigen großen Requisiten wie einer überdimensionalen Krone bestimmt wird und keine Reflexionsflächen zeigt.

Man fühlt sich sofort wohl in diesem Theater, das Intimität mit Modernität verbindet. Es ist übrigens die einzige Kinderoper weltweit, die über ein eigenes Haus mit eigenem Bühnenteam verfügt. Die Sängerinnen und Sänger kommen vor allem aus dem Opernstudio Köln, die Musikerinnen und Musiker vom Gürzenich-Orchester. Die Kinderoper gibt es schon seit dreißig Jahren. Früher stand sie im großen Foyer des Opernhauses, während des 15-jährigen Interims hat man sich mit verschiedenen Spielstätten in der Stadt beholfen.

„Der König verschenkt was“ ist ein Auftragswerk der Kinderoper. In dem siebzigminütigen Stück des Komponisten und Arrangeurs Philipp Matthias Kaufmann sowie des Kinderbuchautors und Illustrators Martin Baltscheit geht es um eine Adaption von Lessings Ringparabel. Ein König liegt im Sterben und weiß nicht, wem von seinen Kindern er durch die Übergabe des kostbaren Rings sein Reich vererben soll. Er lässt zwei weitere Exemplare anfertigen. Die Kinder streiten sich: Jeannette will das Reich bewaffnen, Louis mit allen Bewohnern feiern und tanzen, und Claire gleich alles verschenken. Es droht Gefahr von außen, denn Herrscher der Nachbarländer wollen das Land erobern. Die Kinder besinnen sich und denken sich eine List aus: Sie übergeben die Ringe in scheinbarer Unterwerfung an die Fremdherrscher, unter denen nun ein blutiger Streit entbrennt. Lessings Toleranzbotschaft entsteht durch die Anerkennung der Gleichheit; hier verhält es sich aber fast wie bei Alberichs Fluch: „Nun zeug’ sein Zauber Tod dem, der ihn [oder die Ringe] trägt!“ So schlimm kommt es in Köln aber nicht. Am Ende heißt es auch von den Feinden: „Wir alle sind König“, und es werden Transparente zu Menschenrechten, Toleranz und Demokratie hochgehalten, die von den Sechstklässlern eines Dormagener Gymnasiums gestaltet wurden.

Brigitta Gillessen, seit zwölf Jahren Leiterin der Kinderoper, inszeniert mit Tempo und sorgt bei allem Trubel auf der Bühne für eine Übersichtlichkeit, die es Kindern leicht macht, sich in die Figuren einzufühlen: Laura Kriese als die etwas kokette Jeannette, der man ihre kriegerischen Ambitionen nicht recht glaubt, Geonmuk Lim als tanzsüchtiger Louis und Lana Sophie Westendorf als kluge Träumerin Claire. Hinzu kommen der sterbende König, den Ferhat Baday mit einem gehörigen Anteil an Larmoyanz darstellt, und Anna Kelly als personifizierter Tod in der Funktion einer Conférencière.

Die Musik von Philipp Matthias Kaufmann erinnert ein wenig an Igor Strawinsky und Kurt Weill. Der Klang ist leicht dissonant angeraut, von rhythmischem Drive, manchmal aber auch – wie in Claires Arie „In deine Arme will ich fliehen“ – von kindlicher Anmut. Einen schärferen Ton schlägt das Kampfterzett der Fremdherrscher an, die nach Art des Kofferspiels immer mehr Waffen anhäufen. Und ganz überraschend erklingt ein von den Königskindern vorgetragenes A-cappella-Madrigal: „Die Ringe, die tragen die Raben vom Feld“. Die Musik ist im besten Sinne illustrativ und dabei von exzellenter kompositorischer Qualität. Das Gürzenich-Orchester Köln unter Rainer Mühlbach verhilft dieser Partitur zu plastischer Kontur und mitreißender Präsenz.

Erschienen am 13.10.2026

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