Kommentar
Planlose Panik – Bonn stellt seine Schauspielsparte zur Disposition
von Stefan Keim
Assoziationen: Debatte Nordrhein-Westfalen Theater Bonn

Die Nachricht kam nachmittags am Tag der Deutschen Einheit. In einer Klausur hat die Bonner Stadtverwaltung Sparpläne für den Haushalt ab 2027 erarbeitet. Unter anderem erwägt sie die Abschaffung des Schauspiels. Damit hatte kaum jemand gerechnet. Gerade erst hatte Oberbürgermeister Guido Déus in einem Interview lässig über eine mögliche Schließung der Oper philosophiert. Die ist nun vom Tisch, denn das würde die einzige heilige Kuh beschädigen, die es in Bonn im Moment noch gibt, die Kuh namens Beethoven, auf die sich das Marketing konzentriert.
Bonn geht es richtig mies. Zu den anderen Vorschlägen gehören Einschnitte bei den Kitas und im Nahverkehr. Letzterer ist gerade besonders wichtig, weil auf längere Zeit eine Autobahn wegen einer maroden Brücke gesperrt ist und ein Besuch der Innenstadt kein Vergnügen darstellt. Zudem sind beide Bauten des Stadttheaters – Oper und Schauspielhaus – sanierungsbedürftig.
Doch Schauspieldirektor Jens Groß zeichnet ein anderes Bild. Zwar gebe es Sanierungsbedarf, sagt er, aber es sei auch schon viel gemacht worden, zum Beispiel die Unter- und Obermaschinerie. Er meint, das Schauspielhaus könne durchaus mit wenigen Eingriffen noch einige Zeit funktionieren. Es steht unter Denkmalschutz und ist eines der zentralen Gebäude in Bad Godesberg. Der Stadtteil, in dem früher ein Großteil der Regierung zu Hause war, ist ziemlich heruntergekommen. Wenn Bonn jetzt noch das Schauspielhaus verrotten ließe – so befürchten viele – wäre das gleichbedeutend mit der Aufgabe von Godesberg.
In einer Krise steckt das Schauspiel nicht. Zwar zählt es nicht zu den spannendsten Theatern Nordrhein-Westfalens, aber es hat eine ordentliche Auslastung von um die 80 Prozent und viele Befürworter auch über die Theaterfans hinaus. Eine Schließung würde auch erst einmal wenig Ersparnis bringen, weil die meisten Beschäftigten ja nicht einfach auf die Straße gesetzt werden können. Bonns Generalintendant Bernhard Helmich rechnet deshalb nicht damit, dass der Stadtrat die Schließung abnickt. Aber sicher sein kann sich gerade niemand.
Helmich jedenfalls hat bei der Premiere von Mozarts „Zauberflöte“ am Wochenende eine sehr engagierte Rede gehalten. Er ist gerade erst bis 2030 verlängert worden, um das Theater Bonn in eine sichere Zukunft zu führen, und zwar mit allen Sparten. Dass nun eine davon zur Disposition steht, zeigt, wie planlos und panisch die Debatte läuft. Was gerade noch gilt, ist morgen schon vergessen. Niemand scheint in Bonn eine Idee davon zu haben, wie sich die Stadt weiterentwickeln kann. Die Idee, für Oper und Schauspiel ein neues Theaterzentrum zu bauen und die bisherigen Gebäude anders zu nutzen, ist auch schon wieder passé. Nun soll – zumindest die Oper – im laufenden Betrieb saniert werden. Keiner weiß, welche Einschränkungen dabei nötig sind.
Die Bonner Geschehnisse zeigen, wie gefährlich die Wirtschaftskrise gerade für die Kultureinrichtungen wird. An vielen Orten muss in die Theaterbauten investiert werden, gleichzeitig steigen die Kosten wegen der Tariferhöhungen und der Inflation. Die Städte fühlen sich überfordert, fürchten den Bankrott und wissen nicht, wie sie ihre Haushalte in den Griff bekommen sollen. Länder und der Bund dürfen sie dabei nicht allein lassen, das Problem bekommt nationale Bedeutung. Und den Mut, kulturpolitische Konzepte zu entwerfen, die über den nächsten Haushalt und vielleicht sogar die nächste Legislaturperiode hinaus gelten. Mut deshalb, weil es solche Konzepte nicht ohne grausame Einschränkungen geben wird. Aber wer kein Ziel formuliert, riskiert den Zusammenbruch. Nicht nur in Bonn.
Erschienen am 6.10.2026


















