Auftritt
Bregenzer Festspiele: Scherben ohne Schock
„La traviata“ von Giuseppe Verdi – Musikalische Leitung Kirill Karabits & Pietro Rizzo, Inszenierung Damiano Michieletto, Bühne Paolo Fantin, Kostüme Carla Teti, Licht Alessandro Carletti, Video Roland Horvath, Choreografie Thomas Wilhelm
von Georg Rudiger
Assoziationen: Musiktheater Österreich Theaterkritiken Dossier: Festivals Bregenzer Festspiele

Ganz allein steht Violetta Valéry im goldenen Glitzerkleid auf der Bühne und betrachtet sich im Spiegel. Die schwebenden, fragilen Streicherklänge der Ouvertüre erzählen von Einsamkeit, Verlassenheit und Tod. Dann schleudert sie den Spiegel in den See. „La traviata“ hat Giuseppe Verdi seine, auf Alexandre Dumas’ Roman und dessen Bühnenfassung ‚Die Kameliendame‘ basierende, Oper genannt – die vom Weg Abgekommene. In Damiano Michielettos Inszenierung bei den Bregenzer Festspielen wird ein zerbrochener Spiegel, der für das zerstörte Leben der Protagonistin steht, zum Bühnenbild. 25 Meter hoch und rund 195 Tonnen schwer ist die Konstruktion, die Bühnenbildner Paolo Fantin bauen ließ. Manche der 86 mit Stoff beklebten Holzsplitter sind beweglich, andere liegen als versprengte Eisschollen im See und werden zum Schauplatz von Arien. Das für den „Freischütz“ vor zwei Jahren entstandene Becken wird hier zum Infinity-Pool der 1920er-Jahre-Partygesellschaft. Und lässt die Bühne bis zum Publikum heranrücken.
Mit Philipp Stölzls actionreichem „Freischütz“ hat diese „La traviata“ sonst aber nichts zu tun. Michieletto inszeniert nah an der Vorlage, setzt auf atmosphärische Bilder (Licht Alessandro Carletti) und nicht selten freie Flächen und große Distanzen. Natürlich gibt es bei den beiden Ball-Szenen im ersten und zweiten Akt ein fast schon obligatorisches Wasserballett (Choreografie Thomas Wilhelm), viel Glitzer und Glamour (Kostüme Carla Teti) und auch mal drei Fontänen, die aus dem Becken hervorschießen. Ansonsten aber wenig Spektakel, dafür genaue Personenführung mit verzichtbaren Videoeinsprengseln (Roland Horvath). Eine im klassischen Sinne schöne, kammermusikalisch gehaltene „La traviata“ für Operneinsteiger mit viel Atmosphäre und Mut zur Langsamkeit, aber auch ohne echte Überraschungen oder gar Neudeutungen. Verstörendes, Komplexes, Doppelbödiges sucht man vergeblich. Alles erklärt sich bereits im Moment. Viel nachdenken muss man jedenfalls über diesen, vom Premierenpublikum eher zurückgehalten aufgenommenen, Sommerabend nicht.
Auch die Wiener Symphoniker schaffen unter der Leitung von Kirill Karabits organische Übergänge. In guten Momenten, von denen es bei der Premiere viele gibt, entwickeln die Streicher einen seidigen Klang, der sich bestens mischt und immer wieder das Pianissimo sucht. Karabits lässt den Solistinnen und Solisten Zeit zum Atmen, wählt fließende Tempi und verbindet mit dem Orchester Eleganz mit Wucht bei einzelnen dramatischen Einwürfen. Das Blech klingt schön nach Banda, die Walzer haben Raffinesse. An manchen Details muss aber noch gefeilt werden – das Vorspiel zum dritten Akt hat in Sachen Homogenität nicht die gleiche Qualität wie der Beginn. Die Koordination mit dem Chor (Bregenzer Festspielchor/Benjamin Lack, Prager Philharmonischer Chor/Lukáš Kozubík) hat genauso Luft nach oben wie die Konturenschärfe mancher Orchesterlinien. Marjukka Tepponen lässt dagegen als an Tuberkulose erkrankte Edelkurtisane Violetta keine Wünsche offen. Sie kann Fragilität verkörpern, wenn sie die Schlusstöne im warmen Pianissimo nach oben oktaviert – und Luxus verbreiten, wenn sie mit vollem, in der Tiefe dunkel gefärbtem Sopran ihre öffentlichen Auftritte zelebriert. Tepponen entfaltet Nuancen zwischen Zerbrechlichkeit und Stärke, Hoffnung und Verzweiflung. Dazu hat sie auch darstellerisch echtes Festspielniveau. Mit seinem hellen, im Forte zum Knödeln neigenden Tenor ist Julien Behr als Alfredo Germont leider kein Partner auf Augenhöhe. Die intimen, stimmlich zurückgenommenen Szenen gelingen ihm besser. Vladimir Stoyanov ist ein überaus kantabler Giorgio Germont, dessen väterliche Grätsche gegen die unschickliche Liaison seines Sohnes fast schon empathische Züge trägt. Bei den Nebenfiguren hinterlässt Melissa Zgouridi als Annina mit ihrem sonoren Mezzosopran den stärksten Eindruck.
Dass Violetta Valéry dem Tod geweiht ist, hört man nicht nur in der Musik, man sieht es in Bregenz auch ab der Opernmitte. Bereits beim Ball ihrer Freundin Flora Bervoix (Angela Simkin) im zweiten Bild des zweiten Akts hat Violetta einen projizierten schwarzen Kreis auf dem Körper. Im dritten Akt öffnet sich der Spiegel – und eine große schwarze Kugel mit sechs Metern Durchmesser bewegt sich in Zeitlupe über den Spiegelscherben und schwebt bedrohlich über der Sterbenskranken. Das ist enorm viel Aufwand für wenig szenische Wirkung. Und kommt bei weitem nicht ran an die mehrdimensionale Bildkraft des „Tosca“-Auges in der Philipp-Himmelmann-Inszenierung von 2007 oder den Kopf in Philipp Stölzls „Rigoletto“ (2019). Am Ende stirbt Violetta am Wasserrand. Und Blumen sprießen aus dem Pool und der Scherbenbühne. Der Tod soll offensichtlich nicht das letzte Wort haben.
Erschienen am 24.7.2026



















