Auftritt
Salzburger Festspiele: Die Überflugkraft des Unnützen
„Schnee von gestern, Schnee von morgen“ (UA) von Peter Handke – Regie Jossi Wieler, Bühne und Kostüme Anja Rabes, Musik Biber Gullatz
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Tagtraumprosa. Oder: ein Selbstgespräch mit sich und anderen. Vielleicht so lässt sich Peter Handkes mittlerweile 24. Bühnentext beschreiben. Ein dem Autor nicht unähnlicher Wanderer nimmt hier beim Umherstreifen durch Raum und Zeit das scheinbar Nebensächliche, Unspektakuläre, Nichtverwertbare in den Blick – einen Ast, der vom Abflug eines Vogels noch nachwippt, einen Apfel, der angebissen am Wegesrand liegt. Im Nachdenken darüber entsteht eine Art Bewusstseinsstrom, eine geistesblitzreiche, vielstimmige Selbst- und Weltbefragung. Der in absichtsvoll superskurriler Diktion ausgetüftelte Untertitel darf als typisch für den Autor gelten: „Das Lautwerden des einen Kreuz-und-Quer-Gehenden zeit seines jeweiligen Innehaltens“.
Handke hat schon öfters mit derartigen Selbstgesprächen formal experimentiert, in Salzburg bei „Immer noch Sturm“ (2011) und „Zdeněk Adamec“ (2020). In dieser Spur, wenngleich etwas milder und ohne Zornreden-Impetus, bewegt sich auch „Schnee von gestern, Schnee von morgen“. Der bereits Anfang 2025 erschienene Text kam jetzt bei den Salzburger Festspielen im Landestheater zur Uraufführung. Klar, dass im Titel ein gewisses Loslassen durchschimmert: Selbst der Schnee von morgen wird bald Vergangenheit geworden sein. Dagegen setzt Handke auch ironische Kontrapunkte: „O Alter, o Wut, o Verzweiflung! Ihr könnt mich, alle!“
Nicht einfach, diesem Spiel der Fragen und Ungewissheiten Bühnenleben einzuhauchen. Regisseur Jossi Wieler versucht es dennoch, teilt den Text auf, legt so den dialogischen Charakter dieses Schein-Monologs frei, der sich eh ständig selbst unterbricht, ins Wort fällt und widerspricht. Jens Harzer, der bereits 2011 den Handke-Erzähler gab, und Marina Galic, ebenfalls vom ko-produzierenden Berliner Ensemble, spielen das Ganze als debattier- und spintisierfreudiges Gedanken-Pingpong, das sie in kleinen Pausen nonverbal mit angedeuteten Kabbeleien weiterführen. Wobei sie in ihren schwarzen Anzügen samt Hosen im Hochwasser-Look auch einen Touch absurder Komik mit ins Spiel bringen – und sich zeitweise mit roten Zipfelmützen und aufgemalten Bärtchen in Beckett-Clowns verwandeln.
Die beiden zeigen, wie dieser Text in seinem frei flottierenden Querfeldein-Gestus unmittelbar reinziehen kann, wie er Wortklauberei und wildes Denken locker ineinander verwebt. Und was da alles durch des Autors Rübe rauscht: die Beatles, die alten Griechen, Elvis, Spinoza, Tschechow. Handkes Sprache, als Duett instrumentiert, irrlichtert zwischen Wahrnehmung und Zweifel: „Es ist alles da, oder auch nicht.“ Dieses „oder auch nicht“ gibt als Running Gag dem Redefluss etwas Relativierendes, Lässiges, Schwereloses. Den temporären Philosophie-Tonfall brechen zudem eingestreute Gaga-Horoskope und Kalauer in Form von „elften Geboten“.
Und die Bühne? Harzer und Galic performen den Text am Rande eines Sperrmüllhaufens aus weißen Möbelteilen – auch eine Art Schnee von gestern oder morgen. Bei den Proben wurde noch ein intaktes Holzgehäuse durch Klettereien erkundet. Jetzt, bei der Uraufführung, ist davon nur ein Hügel mit Trümmern übrig geblieben. Interaktionen mit dem Material sind sparsam. Illustrierungen des Textes bleiben klugerweise nur Episode. Das Duo breitet ihn lieber als freies Spiel aus, als geist- und lustvoll hin und her wogenden Gedanken-Free-Jazz.
Das passt auch zum quasi-improvisatorischen Duktus des Ganzen, der in einer grandiosen Engführung gipfelt: Schillers „Gedankenfreiheit“, Kleists „In Staub“-Verfluchung und Hölderlins „ins Ungewisse hinab“ formieren sich zu einem Literatur-Stimmengewirr, zu einem Fragmente-Strudel, in dem auch Triviales aufblinkt – wie „Liebeskummer lohnt sich nicht, my darling“. Zuweilen blitzt er dann doch wieder auf, der sprachliche Furor. Überhaupt, das Duo macht im Textfluss viele Handke-Leitmotive – Gehen, Natur, Spiel, Lärm, Amok, Stille – als Nachbilder hörbar. Zeitdiagnosen? Nur indirekt. Gewissheiten? Nirgends. Im Gegenzug: viel Selbstironie. „Utopische Stellungnahmen vermeiden“, warnt eine der vielen inneren Stimmen. Und: „Jammern? Nein. Höchstens, ja, ein Seufzen, von Zeit zu Zeit.“
Irgendwann verlässt Harzer nach einem letzten Solo die Bühne. Galic erklärt: „Der Kreuz-und-Quer-und-Querfeldein-Geher lebt nicht mehr hier – ich bin jetzt, für sein letztes Wegstück, sein Erzähler, und dann sein Chronist.“ Lässt Handke sein Alter Ego einfach verschwinden? Nicht ganz. Denn der Gehende soll, wie es im heiter raunenden Mystifizier-Parlando heißt, doch noch gesehen worden sein, „als letzter Fahrgast hinten zusammengekauert im allerletzten Nachtbus“. Andere meinen, ihn schemenhaft als „Mitglied einer Steppenwandergruppe“ erkannt zu haben.
Ermöglicht durch Wielers szenischen Reduktionismus, lassen Harzer und Galic den Text, dem ein handketypisches Unrealisierbarkeits-Flair anhaftet, mäandrieren und grooven. Ihre Performance drängt sich nicht schauspielerisch vor den Text, sondern hält ihn, inszeniert als Duett im Wechsel der Perspektiven, in der Schwebe, wahrt den Flow, die luftige Form, die humorige Selbstdistanz, die Anerkenntnis der Ungewissheiten, die programmatische Unschärfetoleranz, und ja, die Verrücktheit, die „Überflugkraft des Unnützen“. So deuten die beiden den Text aber auch als große, weit ausholende Gegenrede, als Selbstbehauptung gegen all das Laute, Lärmende, Bescheidwisserische des sowieso überall Gesagten. Das Kreuz-und-Quer-Gehen wird als großer „Ausweichtanz“ erlebbar. Beim Schlussapplaus der Uraufführung kommt der 83-jährige Nobelpreisträger Handke sogar noch auf die Bühne – als Wanderer mit Stock und Hut. Gibt den Profis einen anerkennenden Knuff, lässt geduldig die Ovationen über sich ergehen und reckt beim Abgang nochmal schalkhaft-trotzig seinen Spazierstock in die Höhe.
Erschienen am 3.8.2026


















