Auftritt
Ruhrtriennale/Deutsches Theater Berlin: Kindertheater für alle
„Deutscher Herbst“ von Christopher Rüping (UA) – Regie Christopher Rüping, Bühnenbild Jonathan Mertz, Kostümbild Lene Schwind, Videodesign Emma Lou Herrmann, Lichtdesign Robert Grauel
von Stefan Keim
Assoziationen: Nordrhein-Westfalen Theaterkritiken Dossier: Festivals Christopher Rüping Deutsches Theater (Berlin) Ruhrtriennale

Im Kern macht Christopher Rüping Kindertheater. Das Ensemble spricht das Publikum direkt an. Wenn neue Figuren auftreten, kommen Fragen wie „Wer bist denn du?“ oder „Was soll das alles?“ Behutsam und sanft leiten die Schauspieler:innen durch eine Geschichte, die Probleme benennt und Hoffnung macht.
Der Titel von Rüpings neuem Stück führt in die Irre. „Deutscher Herbst“ ist ein Begriff für die Zeit des RAF-Terrors der Siebzigerjahre, vor allem für das Jahr 1977, in dem Arbeitgeberpräsident Hanns-Martin Schleyer entführt und ermordet wurde, palästinensische Sympathisanten ein Flugzeug kidnappten und sich inhaftierte Angehörige der ersten RAF-Generation in Stuttgart-Stammheim das Leben nahmen. Doch davon ist in der knapp vier Stunden langen Uraufführung nicht die Rede.
Die Schauspielerin Wiebke Mollenhauer tritt auf, erst noch weit weg vom Publikum. Ungefähr 80 Meter tief ist die Spielfläche in der Bochumer Jahrhunderthalle, die von Bühnenbildner Jonathan Mertz komplett genutzt wird. Langsam kommt die Frau nach vorn, sucht nach Worten und nach dem direkten Kontakt zum Publikum. Das nimmt eine konkrete Rolle ein. Wir alle sind der demente Vater, 1941 geboren, den die Tochter besucht. Auf einem Klavier, dem die Holzabdeckungen fehlen, in dessen Inneres wir hineinsehen, spielt sie für ihn, also für uns. Sie entdeckt ein Liederbuch aus dem 20. Jahrhundert, „Frau Musika“. Die einfachen Melodien sind ein wichtiger Teil des Soundtracks. Zu ihnen gesellen sich Partyhits von Blümchen (heute Jasmin Wagner) und das Lied „Deutscher Herbst“, mit dem sich die Rockband Böhse Onkelz von Rechtsradikalismus und Gewalt distanziert hat.
Die Frau erforscht das Leben ihres Vaters. Hauptquellen sind Reportagen des schwedischen Autors Stig Dagerman, der kurz nach dem Zweiten Weltkrieg die zerstörten Städte und die traumatisierten Menschen beschrieb. Aber auch Wälder, die schon wieder intakt wirken. In dieser Welt ist der Vater aufgewachsen. „Deutscher Herbst“ ist der Titel eines Buches, in dem diese Reiseberichte zusammengefasst wurden. Die Tochter findet einen Bildband über Caspar David Friedrich. Ein düsteres Gemälde, in dem Mönche einen Sarg in ein Kloster tragen, hing seit ihrem zwölften Lebensjahr in ihrem Kinderzimmer. Stig Dagerman, Blümchen, Caspar David Friedrich treten in historischen Kostümen auf. Die Aufführung ist surreal, brüchig, märchenhaft. Immer wieder macht das Ensemble Denkpausen, lauscht den Texten und Tönen nach. Wie so oft schafft Christopher Rüping eine angenehme Atmosphäre.
Schwimmnudeln in Rosa quellen aus den Wänden und Stahlträgern, Plastikplanen können aufgeblasen werden. Die Tochter erzählt, dass ihr oft schwindlig ist, und findet heraus, dass sie sich in ihrem eigenen Ohr befindet. Ganz hinten, am anderen Ende der Halle, sieht man so etwas wie ein Gehirn. Klingt seltsam, ist es auch. Aber durch das subtile und unaufdringliche Spiel des Ensembles wirken auch die sonderbarsten Einfälle nicht aufgesetzt. Wiebke Mollenhauer hält alles zusammen, meist freundlich und offen, manchmal aggressiv und genervt, zutiefst menschlich.
Wie so oft in Christopher Rüpings Inszenierungen wird irgendwann ordentlich durchgelüftet. Ventilatoren blasen, Schauspieler:innen gehen mit Laubbläsern ins Publikum und bitten uns, unsere Haarteile festzuhalten. Ein tolles Bild, dann tritt die Legende des Deutschen Theaters Almut Zilcher auf und hält einen vielschichtigen Monolog über die Möglichkeit, Trost zu finden. Sie verwandelt sich in die 14 Jahre jüngere Schwester des dementen Vaters und erzählt der Tochter Einzelheiten aus seinem Leben. Am Ende gibt es wieder einen Song von Blümchen, alle kommen auf die Bühne, tanzen eine Choreografie und verneigen sich, während die Musik noch läuft. Der klassische Schluss eines Kindermusicals.
Ein bisschen naiv ist das alles schon. Aber nicht schlimm, im Gegenteil. „Deutscher Herbst“ ist kein Polittheater, auch wenn kurz vor dem Ende aus dem Radio die Meldung vom AfD-Wahlsieg in Sachsen-Anhalt tönt. Es geht um gesellschaftlichen Zusammenhalt, um Gemeinschaft und Widerstandskraft, auch wenn man gerade eine Menge aushalten muss. Dieses Theater ist kein bisschen zynisch, sondern verspielt, offen, liebenswert. Auch angreifbar, man könnte eine Menge kritisieren, Szenen, in denen fast nur Text aufgesagt wird, manchen Leerlauf, herüberkopierte Infoblöcke aus Wikipedia. Ich glaube aber, dass wir genau solche Theateraufführungen benötigen. Positive Erlebnisse, auch mal Dur, wo wir immer wieder ins Moll rutschen, Hoffnung und Menschlichkeit. Kindertheater für alle.
Erschienen am 21.9.2026





















