Theater der Zeit

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Auftritt

Ruhrtriennale: „West Side Bowie“ ohne Story

„Rebel Rebel“ – Konzept und Regie Ivo Van Hove, Musikalische Leitung, Arrangements Henry Hey, Choreografie Sidi Larbi Cherkaoui, Bühne und Lichtdesign Jan Versweyveld, Videodesign Christopher Ash, Kostüme An D'Huys

von Stefan Keim

Assoziationen: Musiktheater Nordrhein-Westfalen Dossier: Festivals Ruhrtriennale

Diego Rodriguez und Ari Notartomaso in „Rebel Rebel“ bei der Ruhrtriennale
Diego Rodriguez und Ari Notartomaso in „Rebel Rebel“ bei der RuhrtriennaleFoto: Jan Versweyveld

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Ein Mann wird verprügelt. Er liegt regungslos auf dem Boden, eine ganze Gang fällt über ihn her. Sie beißen ihn wie Hunde. Mit „Diamond Dogs“ – dem Titelsong aus David Bowies achtem Studioalbum von 1974 – beginnt die Uraufführung bei der Ruhrtriennale. Regisseur Ivo Van Hove zeigt eine Welt der Gewalt. In der Bochumer Jahrhunderthalle stehen rostige Container. In einem davon spielt die Band unter Leitung von Henry Hey. Es gibt nur einen ganz kurzen Dialog, ansonsten besteht das Stück ausschließlich aus Songs von David Bowie.

Der Schauspieler, Sänger und Moderator Daniel Donskoy spielt den Anführer der Straßengang. Ein muskulöser, zynischer Mann, der nur noch im Kampf Vergnügen findet. Ein großer Teil der Inszenierung besteht aus Prügelchoreografien. Das aufopferungsvolle Tanzensemble zeigt alle möglichen Kampfstile, Wrestlingposen und schließlich einen Cagefight, einen Zweikampf im Käfig. Die Körper schwitzen, die Gesichter sind blutverschmiert. Dennoch wirken die Szenen harmlos. Denn natürlich tut sich niemand weh, Actionszenen kann das Kino besser, im Theater wäre es besser, eine Ästhetisierung für die Gewalt zu finden. Doch der Choreograf Sidi Larbi Cherkaoui bleibt im halbherzigen Realismus stecken. Der Gegenentwurf zum redundanten Raufen ist die Liebe. Ein junges Paar, das keine Namen bekommt und nur Girl und Boy heißt, verbündet sich, auch wenn die Chancen auf Glück gering sind. Sie träumen von einem anderen Leben, vielleicht auf dem Mars.

Ari Notartomaso und Diego Rodriguez singen, tanzen und spielen mit ebenso großer Energie wie Daniel Donskoy. Auf die breite Rückwand der Bühne werden gigantische Bilder projiziert, Bilder zerstörter Städte, aber auch psychedelische Visionen in den Traumsequenzen. Manchmal rutscht Ivo Van Hoves Inszenierung in die Nähe des Kitsches. Die Technik, Stücke ausschließlich durch die Montage von Popsongs zu erzählen, hat er in allen seinen Inszenierungen bei der Ruhrtriennale angewandt. Zu Beginn – beim Stück „I want absolute beauty“ mit Sandra Hüller und Musik von PJ Harvey – hat das noch gut funktioniert. Doch das Konzept nutzt sich ab und führt zu inhaltlicher Eintönigkeit. Auch wenn die Songs von David Bowie zum Teil großartige Texte haben, verbinden sie sich nur oberflächlich. Die zweistündige Aufführung hat Längen und wirkt schließlich nur noch wie ein aufwendig inszeniertes Best-of-Konzert.

Am Ende kippt das Ensemble eine Menge Müll auf die Bühne. Sie erinnert nun an einen Autobahnrasthof an einem Ferienwochenende. Und plötzlich haben sich alle lieb, singen und tanzen zusammen, verkünden „Golden Years“, goldene Jahre. Die Sehnsucht nach einer Utopie ist nachvollziehbar, das Motto der Ruhrtriennale lautet „Longing for Tomorrow“. Doch dieses naive Happy End wirkt ziemlich unglaubwürdig. „Rebel Rebel“ bei der Ruhrtriennale lässt sich kurz gefasst als „West Side Bowie“ beschreiben. Die Story fehlt.

Erschienen am 21.8.2026

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