Auftritt
Salzburger Festspiele: Machtspiele in Zeitlupe
„Faust I“ von Johann Wolfgang von Goethe – Regie und Bühne Ulrich Rasche, Komposition und Tondesign Alfred Brooks, Kostüme Annika Lu, Video Florian Seufert, Lichtdesign Gerrit Jurda
von Elisabeth Maier
Assoziationen: Österreich Theaterkritiken Ulrich Rasche Salzburger Festspiele Residenztheater

Die Beine straucheln. Der Widerstand wächst. Nichts ist mehr im Gleichgewicht. Faust kämpft gegen jene Teile seiner Persönlichkeit an, die er nicht durchschauen darf. Ulrich Rasche interessiert der innere Konflikt von Goethes großer tragischer Figur in seiner bildgewaltigen Neuauflage des „Faust I“ auf der Perner-Insel in Hallein bei den Salzburger Festspielen. Der Meister der Drehbühne schickt den Protagonisten auf eine Reise, die dessen brutale Machtgier offenlegt. Und dafür gibt der Regisseur Gretchen ihre eigenständige Kraft zurück – und ihre Geschichte.
Rasches virtuoses Spiel mit den Möglichkeiten der Drehbühne hat der studierte Kunsthistoriker mit den Jahren perfektioniert. Diese Technikaffinität hat ihm in der Theaterszene den Ruf eines „Maschinisten“ eingebracht. 2023 setzte er in Salzburg Lessings „Nathan der Weise“ mit vergleichbar komplexer Bühnenmaschinerie in Szene. Im „Faust I“ spielt er noch radikaler mit den Möglichkeiten der Technik. Mit dem großartigen Ensemble des Münchner Residenztheaters, das die Festivalproduktion koproduziert, tritt Rasche jedoch den Beweis an, dass es ihm nicht um Effekte geht. Die Drehbühne zwingt die Akteur:innen in ein Zeitlupentempo, das die Reise in ihr Innerstes noch fesselnder macht.
Inspiriert vom Surrealismus des Filmregisseurs David Lynch, stellt Rasche zwei riesige Bildschirme in den Mittelpunkt. Sie lassen sich mit komplexer Technik steuern, bewegen sich trotz ihrer raumfüllenden Größe scheinbar leicht im Raum. So gerät der Bühnenraum in Hallein in eine Bewegung, die an Filmschnitte erinnert. Lichtdesigner Gerrit Jurda spielt mit Farben. Neonkaltes Weiß geht in orangefarbene Höllentöne über. Sinnlich aufgeladenes Rot spiegelt tiefe Gefühle. Alfred Brooks hat mit Studiomusikern eine emotionsgeladene Partitur eingespielt, die das Gesamtkunstwerk perfekt macht.
Zunächst lässt der Videokünstler Florian Seufert die Bilder flimmern, wenn Faust zu seiner Reise ins eigene Ich aufbricht. Dann stellt der Kameramann das Bild scharf. Er lässt Steven Scharf in der Rolle von Goethes Helden durch einen engen Korridor schreiten, bis dieser die nächste Stufe seiner Entwicklung erreicht. Der Schauspieler Scharf ist ein Grenzgänger. Seine Figuren betrachtet er komplex, sucht nach Tiefenschichten. Gerade das Böse ist es, was ihn reizt. Er bricht das Klischee vom wissbegierigen Gelehrten auf, der nach dem Fortschritt strebt. Vor dem Publikum steht ein alternder Mann, der sich an das letzte bisschen Macht klammert, das man ihm lässt. Wenn Scharf über die Drehbühne schreitet, sich gegen den Widerstand stemmt und stolpert, sagt das viel über Fausts Ende aus. Sein Scheitern ist programmiert.
Rasche spaltet die Figur in ein altes und in ein junges Ich. Johannes Nussbaum verkörpert den jungen Faust, dessen Lebensenergie verblüfft. Sehnsüchtig schaut Steven Scharf immer wieder in seine Richtung. Nussbaum spielt jenen Traum vom aufstrebenden Wissenschaftler weiter, der die Welt verändern kann. Dem alten Faust ist diese Möglichkeit verwehrt. Mit seinem Machthunger und seiner Liebeslust hat er sein Leben gegen die Wand gefahren. Goethes berühmtes, aber abgegriffenes Zitat „Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust“ denkt Ulrich Rasche in seinem psychologisch klar strukturierten Kammerspiel weiter.
Denn auch Mephisto verkörpert in seiner Interpretation einen Teil des Wissenschaftlers, dem moralische Fragen zunehmend fremd geworden sind. Dem ratlosen Mann erscheint eine androgyne Figur. Valery Tscheplanowa verkörpert den Teufel, der zunehmend weibliche Züge offenbart. Als „Geist, der stets verneint“ verführt die traumtänzerische Magierin Faust zu Verbrechen. Er tötet Gretchens Bruder Valentin, den Max Rothbart bis zuletzt um seine Familie kämpfen lässt. Goethes klassischer Sprachkunst haucht Valery Tscheplanowa eine Sinnlichkeit ein, die berührt. Gerade ihr Spiel gibt Rasches Bühnenkonstruktionen, die auf den ersten Blick kalt und stilisiert wirken mögen, einen tiefen Sinn. Dieser Mephisto ist kein Dämon mit Teufelsfratze. Es ist die dunkle Seite des Protagonisten, die sich zeigt.
Spannend ist Rasches Blick auf die wohl schwierigste Figur in Goethes Menschheitsdrama, das Gretchen. In den ersten Szenen tritt Anna Drexler wie alle anderen Figuren in Anzug und Krawatte auf, die Haare wie alle anderen zurückgekämmt. Kostümbildnerin Annika Lu kleidet sie in den Uniformen der modernen Geschäftswelt. Mit der Frage „Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?“ entfacht sich ein spannender Diskurs, der Goethes philosophische Kraft offenlegt. Gretchen setzt auf einen naiven Gottesglauben, der sich Werte von außen diktieren lässt. Diesem Bild widerspricht Faust. Er zerschmettert solche kirchlichen Dogmen und steht für einen pantheistischen Glauben, der aus dem eigenen Inneren kommt.
So ist Gretchen anfangs nicht mehr als eine Projektion von Fausts patriarchalem Frauenbild. Mutig bricht Drexler diese Wahrnehmung im Verlauf des Abends auf, gibt ihrer Figur eine eigene Identität zurück. Sie spricht zunehmend für sich selbst, steht selbstbewusst zum Mord an ihrer Mutter und ihrem Kind. Sie trägt Verantwortung für ihr Leben. Und benennt klar, dass Faust sie in dieses Elend gestürzt hat. Die Bildschirme schließen sich um sie wie ein Kerker. Rasche versteht Gretchen nicht als Opfer, sondern als starke Frau. In der Gabe, klassische Stoffe neu zu denken, liegt die zeitlose Qualität seiner Theaterkunst.
Erschienen am 28.7.2026



















