Theater der Zeit

Auftritt

Schauspielhaus Hamburg: Goldene Wut

„FREMDE SONNE-Marathon – Die Argonauten. Iason. Medea.“ von Roland Schimmelpfennig – Regie Karin Beier, Bühne Johannes Schütz, Kostüme Wicke Naujoks, Musik Jörg Gollasch, Video Severin Renke, Licht Annette ter Meulen, Choreographie Valentí Rocamora i Torà

von Peter Helling

Assoziationen: Hamburg Theaterkritiken Roland Schimmelpfennig Karin Beier Deutsches Schauspielhaus Hamburg

Lina Beckmann in „FREMDE SONNE II: Medea in Korinth“ nach Roland Schimmelpfennig am Schauspielhaus Hamburg, Regie Karin Beier.
Lina Beckmann in „FREMDE SONNE II: Medea in Korinth“ nach Roland Schimmelpfennig am Schauspielhaus Hamburg, Regie Karin Beier.Foto: Monika Rittershaus

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Natürlich wird Lina Beckmann selbst zum Goldenen Vlies, zu dem, wonach sich alle sehnen, einem goldenen Fell, hell wie die Sonne, eine „Fremde Sonne“. Ihre Medea, laut griechischer Mythologie Enkelin des Sonnengottes, schminkt sich am Ende, nach sieben Stunden Antikenmarathon, das Gesicht golden. Und dann schminkt sie ihre beiden Kinder, markiert und tötet sie. Dieser Mord wird nicht gezeigt, aber wenn Lina Beckmann am Schluss mit den beiden Kinderkörpern aus der Tiefe des Bühnenraums nach vorne tritt, trifft es einen mitten ins Herz. Die sechsteilige Saga „Fremde Sonne“ kommt hier in Teil V an ihr leises, erschütternd-lichtloses vorläufiges Ende. Erstaunlich, man erlebt diese großartige Schauspielerin so bei sich, so zutiefst ihre Rolle verkörpernd, dass es ein Aneignen wird, das in keiner Sekunde gestemmt, aufgesetzt wirkt. Sie streift sie sich wie das besagte goldene Widderfell über. Und das ist das größte Verdienst von Karin Beiers Zyklus: Er zeigt, wie Schauspielerinnen und Schauspieler sich dieser antiken Großfiguren annehmen, sich auf die Schultern hieven, sie wieder abwerfen, an ihrer Last scheinbar zerbrechen. „Fremde Sonne“ ist auch eine Geschichte vom An-Verwandeln und vom Aufbruch aus einer Höhle ins Licht.

Medea steht am Ende da als Geflüchtete, im fremden Land, Aussatz, gemieden. Ihr Geliebter Jason hat sie für eine andere sitzen gelassen, hat sein Treueversprechen gebrochen. Das hat er ihr gegeben, als Medea Jason half, das Goldene Vlies – das sie ja letztlich selbst ist – aus den Händen ihres brutalen Vaters zu stehlen und aus Kolchis nach Griechenland zu verschleppen. Jetzt wird sie von ihm verraten. Anstatt zu zerbrechen, wird sich Medea rächen, wird zur Gegenstimme gegen das Prinzip Gier. Gegen das Prinzip Jason, der, glänzend gespielt von Devid Striesow, zum Möchtegernhelden schrumpft, gierig nach Gold, Öl, Macht und Wissen, ein Allerweltstyp, egoistisch, glatt, ein Spiegel von uns heute. Medea will all das nicht, sie will lieben, will Freiheit. Lina Beckmann gelingt es, ins Räderwerk des Mythos zu greifen und dieser als „Wilde“, als „Zauberin“ übel beleumundeten Frau die Würde zurückzugeben. Jetzt will sie Rache, man nimmt es ihr ab.

Fünf Teile, fünf Theaterformen, eine Reise aus dem übervollen Theaterklamauk – ja, auch den gibt es hier, nicht zu knapp – in die absolute Reduktion einer fast leeren Bühne (Johannes Schütz). Karin Beier beginnt beim Ursprung der Welt, dort, wo das Goldene Vlies entstand, bei der Vergewaltigung einer Frau durch einen Gott. Immer steht am Anfang der Missbrauch: Mythos und Missbrauch, eine qualvolle Allianz. Das Ensemble ist im Erzählgestus, alles wirkt luzide, transparent. Michael Wittenborn als Erzählerfigur musste krankheitsbedingt kurzfristig ersetzt werden. Bei der Uraufführung übernimmt den Part der Autor selbst. Und das funktioniert sehr gut. Roland Schimmelpfennigs Texte klingen heutig, ohne Wucht und Schwere, immer wieder bricht der Autor den hohen Ton auf die Ebene von Kühlschrank, Strandbar, Kippe herunter. Karin Beier lässt sich in den ersten Teilen noch verführen, die Sprache zu illustrieren. Die Irrfahrt Jasons nach dem Goldenen Vlies auf seinem Schiff Argo wird zu einem oberflächlichen Gruselschwank, mit viel Theaterblut, mit „Sturm-Spielen“, mit burlesken Einlagen von Bjarne Mädel als philosophischem Schiffskoch und Raviolidose. Nur leider wird es da schwer langweilig, all das erzeugt eine sehr laute Leere.

Was den ersten Aufführungsabend doch zum Ereignis macht, ist Mirco Kreibich. Er spielt Cheiron, einen Zentauren, halb Mensch, halb Pferd, bei dem Jason als Kind in einer Höhle aufwächst. Ein geniales, aber bösartiges Wesen, das Klugheit lehrt und Jason und seine anderen Schüler missbraucht. Ein Anti-Platon, der das Höhlengleichnis umdreht. Wie er aus einem Pferdetorso kriecht, wiehert und schnaubt, langbeinig über die Bühne stöckelt, ein Tänzer auf Pferdehufen, wird er zu Jasons Trauma, zu einer omnipräsenten Albtraumfigur (Kostüme: Wicke Naujoks). Neben Lina Beckmann das zweite Zentrum der Inszenierung. Als wolle dieses toxische Wesen sagen: Die Suche nach der Sonne der Erkenntnis kostet euch Leben, Würde, Menschlichkeit. Jason wird nach der fremden Sonne streben, und auf dem Weg zerstört, vernichtet, kontaminiert er alles, was ihm nicht passt. Der Prototyp Kolonialherr und Kapitalist nach westlichem Muster. Aalglatt, ein glänzender Charakter. Am Ende zerstört er sich selbst.

In einem im Vergleich fast heiteren Zwischenteil in einer Art psychiatrischer Klinik erleben wir Medeas Teenagerliebe zu Jason als ein peinliches Missverständnis, denn Jason liebt Medea nicht. Gegen den Verrat erhebt Medea ihre Stimme. Buchstäblich, sie schreit wie eine Harpyie, ein Frauenchor im Zuschauerraum antwortet ihr (Musik: Jörg Gollasch). Karin Beier kleckert nicht, sie klotzt: Soundeffekte, eine bühnenfüllende Rudermannschaft, Masken, Licht wie dunstiger Staub (Annette ter Meulen), Gesang. Noch ein Schauspieler ist aus dem fabelhaften Ensemble hervorzuheben: Kristof Van Boven als Medeas Bruder. Versehrt, beschädigt, vom Vater fast zerbrochen. Wie dieses kranke, magere Kind Medea liebt, sich mit Händen und Füßen wehrt, als Medea Jason ins illustre Griechenland und damit ins Unheil folgt, berührt unmittelbar. Und so gelingt diesem Zyklus, noch mehr als „Anthropolis“ vor drei Jahren, ein großer Bogen: Der Mythos muss erzählt werden. Aber die Kraft, die es dazu braucht, die Varianz der Erzählung, das Aneignen, das Beinahe-Ersticken daran, erst das gibt den Figuren Profil und macht sie zu Zeitgenossinnen. Medea mahnt: Fremd sind wir alle.

Erschienen am 30.9.2026

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