Theater der Zeit

Auftritt

Theater Paderborn: Schluss ohne Schuss

„Emilia Galotti“ von Gotthold Ephraim Lessing – Regie Alexander Vaassen, Bühne Anna Armann, Kostüme und Musik Wynonna Nixel

von Stefan Keim

Assoziationen: Nordrhein-Westfalen Theaterkritiken Alexander Vaassen Theater Paderborn – Westfälische Kammerspiele

Die Ex-Geliebte und der Intrigant – Claudia Sutter als Gräfin Orsina und David Lukowczyk als Kammerherr Marinelli
Die Ex-Geliebte und der Intrigant – Claudia Sutter als Gräfin Orsina und David Lukowczyk als Kammerherr MarinelliFoto: Tobias Kreft

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Der Abend beginnt mit einem Ups-Effekt. Eine Menge Sätze und ganze Figuren aus dem ersten Akt sind gestrichen. Der Prinz von Guastalla hält einen Monolog, unterschreibt ein Todesurteil, „recht gern“, wie er sagt, und stellt sich selbst die Frage, ob das angesichts so einer Entscheidung etwas beiläufig formuliert sein könnte. Selbstkritik passt sonst gar nicht zum Charakter des blondperückten, selbstverliebten Mannes. Gotthold Ephraim Lessing hat in sein bürgerliches Trauerspiel eine Menge Satire auf den Adel des 18. Jahrhunderts gepackt. Der Prinz möchte Emilia Galotti verführen, weil er sie scharf findet und in eine spätpubertäre Schwärmerei verfällt. Vor allem, als er erfährt, dass Emilia just an diesem Tage heiratet. Sein Kammerherr Marinelli soll sie ihm herbeischaffen, ohne Rücksicht auf Verluste. Heute verhält sich ein Teil des Geldadels so, die Epsteins, die Trumps und all die anderen toxischen Triebtäter. Lessing wirkt ziemlich aktuell.

Die Kostüme von Wynonna Nixel sind historisch. Doch das ist Maskerade. Man sieht es schon zu Beginn, wenn David Lukowczyk als Marinelli sich erst noch die Perücke aufsetzt und die Klamotten richtet. Der Prinz hat ihn überraschend früh aus dem Bett geholt. Dem Regisseur Alexander Vaassen geht es auf hintergründige Weise um die Gegenwart, auch wenn oder gerade weil er – wie gesagt mit kräftigen Strichen – weitgehend Lessings Originaltext sprechen lässt. Denn der ist pointiert und provokant.

Säulen säumen Anna Armanns Bühne und erinnern an einen Palast aus Lessings Zeit. Doch später bewegen sie sich, verziehen den ganzen Bau, die Welt gerät ins Wanken. Marinelli und der Prinz sprechen sich nicht ordentlich ab. Marinelli lässt die Hochzeitsgesellschaft überfallen, Emilia entführen und ihren Gatten erschießen. Der Prinz macht sich unterdessen durch eine improvisierte Liebeserklärung während des Gottesdienstes ziemlich verdächtig. So durchschauen Emilias Eltern schnell die Täuschungen Marinellis. Und Vater Odoardo (Alexander Wilß) packt die pure Verzweiflung, er bebt vor Überforderung.

Zum Schluss: Bei Lessing überredet Emilia ihren Vater, sie zu töten, damit sie unbefleckt bleibt. Diese Art christlicher Fundamentalismus entsprach im 18. Jahrhundert dem Geschmack der Zeit. Vor den Revolutionen scheint so ein Opfer der ultimative Protest gegen Fürstenwillkür gewesen zu sein. Heute lässt sich das kaum vermitteln. Das Theater Paderborn löst das Problem wieder mit einem Strich. Odoardo richtet zwar die Pistole auf Emilia, sie feuert ihn auch an, doch wirken ihre Worte unglaubwürdig. Der Schluss kommt ohne Schuss, das Ensemble betritt die Bühne zum Applaus, ohne Black, einfach so. Was passieren könnte, soll sich das Publikum selbst denken.

Alexander Vaassen ist kein Regisseur, der mit dem Zeigefinger inszeniert. Über weite Strecken zeigt er das Stück mit großer Leichtigkeit, fast wie eine Komödie. Dass so etwas bei Lessing grandios funktionieren kann, hat schon vor Jahrzehnten Claus Peymann mit seinem legendären „Nathan“ bewiesen. Allerdings hatte Peymann auch exzellent abgründige Spieler:innen, die auf dem schmalen Grat zwischen Tragik und Ironie virtuos tänzelten. Das Paderborner Ensemble bleibt direkter und eindimensionaler. Mit einigen spannenden Momenten: Felix Witzlau hat als Prinz nach der Pause eine Szene, in der er innehält und Marinelli in die Schranken weist. Da blitzt zumindest durch, dass er eigentlich kein komplettes Arschloch sein will. Claudia Sutter spielt die Paraderolle der abgelegten Geliebten Gräfin Orsina boshaft und verletzlich. Und Nicole Kersten zeigt als Emilias Mutter Claudia glaubwürdig die Angst um ihr Kind.

Ein Problem ist die Hauptrolle. Es bleibt ehrlich gesagt rätselhaft, was Emilia (Julia-Mareen Korte) antreibt. Sie lässt sich durch die absurden und bedrohlichen Ereignisse treiben, versucht, selbstbewusste Töne zu finden, mit all den Zumutungen umzugehen, aber greifbar wird der Charakter dabei nicht. Vielleicht lässt sich da noch nacharbeiten: in einer flotten und unterhaltsamen Inszenierung, die gegenwärtige Themen anreißt, aber manche Figurenzeichnung noch vertiefen könnte.

Erschienen am 8.9.2026

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