Auftritt
Theater Vorpommern: Das Kind ist der Preis
„Orestie“ nach Aischylos in einer Neubearbeitung von Robert Icke – Inszenierung Torsten Fischer, Bühne Herbert Schäfer, Malerei & Kostüme Vasilis Triantafillopoulos
von Juliane Voigt
Assoziationen: Mecklenburg-Vorpommern Theaterkritiken Torsten Fischer Theater Vorpommern (Stralsund)

Bei seiner Uraufführung muss dieses Stück den Athenern den Atem verschlagen haben. Drei Teile waren, bei einer der Großen Dionysien, vor mehreren tausend Theaterbegeisterten aufgeführt worden. Eingebettet in die großen Mythen geht es um ein nie enden wollendes Morden aus Rache und Vergeltung. Bis die Göttin Athene das Drama mit einer demokratischen Entscheidung beendet. Der Dichter Aischylos hat den Griechen damals, vor rund 2500 Jahren, ihre jüngste Geschichte auf die Bühne gebracht. Denn eine Verfassungsreform hatte gerade die alte Ordnung zugunsten der Demokratie entmachtet.
Wann, wenn nicht jetzt, muss dieses Stück also auf die Bühne? Wo es schon bröckelt mit der Demokratie, nun auch in Mecklenburg-Vorpommern. Und zum Glück muss sich keiner mehr, also Zuschauer wie Darsteller gleichermaßen, an einem antiken Steinbruch die Zähne ausbeißen. Mit der Neubearbeitung von Robert Icke scheint die „Orestie“ plötzlich auch unsere jüngste Geschichte zu erzählen, so verschlägt dieser Abend einem den Atem.
Der Vater kommt vom Büro nach Hause, an den großen Familientisch, der hier so groß ist, dass sie alle eher laut rufen müssen, um sich zu unterhalten. Die Kinder erzählen von ihrem Tag, der Bratentopf der Mutter dampft. Fleisch? Was? Da ist ein Tier getötet worden, damit wir es essen? Die Diskussion ist beliebt bei Heranwachsenden. Aber der kleinen Tochter Iphigenie ist ein plötzliches Entsetzen ins Gesicht geschrieben. Annika Gräslund spielt sie so, dass keiner merkt, wie sie sich in sich zurückzieht. „Ein kleiner toter Körper …“, sagt sie vor sich hin, aber keiner hört es. Und da beginnt das Grauen auf dieser Bühne, der Knacks in der Ordnung, der Bruch in der Familie. Iphigenie wird von ihrem Vater getötet werden, sie wird der kleine tote Körper sein, sie weiß es. Und sie wird ihren Vater ermutigen. „Tu’s, Papa!“
Die Prophezeiung sagt, dass Agamemnon seine Tochter von eigener Hand töten muss, um den Krieg zu gewinnen. Das Land ist unmittelbar bedroht von einer tyrannischen Macht, die das Land annektieren will. Und es sind keine Götter oder Orakel, die dieses Opfer von ihm verlangen, sondern Minister, Berater, die staatliche Interessen vertreten. Den moralischen Konflikt tobt Hannes Rittig als Agamemnon, schreiend, weinend, betend aus. Der Mord schließlich ist eine halboffizielle Angelegenheit, nüchtern wie im Kanzleramt, Juristen sind dabei, Protokollanten. Und dann trinkt Iphigenie wie bei einem begleiteten Suizid artig die kleinen Becher aus und stirbt. Der Mensch ist nicht geschaffen, um sowas zu sehen. Zum Glück ist es nur Theater. Aber trotzdem. Dieser uralte Mythos mit Iphigenie, die von Agamemnon dem Staat geopfert wird, ja, blabla, bekannt, aber so brutal und unerträglich ist der Konflikt, der die ganze Tragödie so ungeheuer dramatisch macht. Die Entscheidung ist unmenschlich. Das eine Schreckliche gegen das andere. Bei der Uraufführung in London hat Robert Icke wirklich Kinder besetzt. Darauf hat Regisseur Torsten Fischer auf der Greifswalder Bühne verzichtet, aber die Sprache weist auf das Alter der Kinder hin. Orest, gespielt von Jacob Schleert, ist der Kleinste, er sieht mit großen Augen in die Welt und fragt zusammenhanglose Dinge. Elektra, die Älteste, pubertiert. Iphigenie, vielleicht neun, steht da, in unschuldsweißem Twinset und Faltenrock, voller Liebe und Vertrauen in ihre Eltern, was alles noch schlimmer macht.
Das war’s mit der Familie. Nicht sofort. Aber schleichend geht es los mit der leisen Wut und dem Wunsch nach Rache. Klytämnestra wird ihrem Mann nicht verzeihen, die Tochter geopfert zu haben. Sie tötet ihn blutrünstig, berichtet euphorisch, überglücklich, von einem pulsierenden Blutbad, an dem sie jede Sekunde genossen habe, so sauer war sie zehn Jahre lang auf ihn. Gespielt wird Klytämnestra von Judith Rosmair, die vom Regisseur als Gast für diese Produktion ans Haus geholt wurde. Umgeben von einer Aura innerer Stabilität und Glamour ist sie zuerst die perfekte Frau mit Traumfamilie, erfolgreichem Gatten, nun ja, einem Schicksalsschlag, die Tochter ist tot, ja, aber das habe sie inzwischen im Griff – Journalisten laufen hinter ihr her, sie füttert die Meute. Judith Rosmair ist eine großartige Klytämnestra. Aber alle anderen auf dieser Bühne sind es auch. Als Ensemble irgendwie heraufgehoben auf ein ungewöhnliches schauspielerisches Level, das ist beeindruckend. Aber Judith Rosmair muss diese Figur durch das Stück ins Verderben führen. Drogen, Alkohol, Sex, posttraumatischer Stress. Sie ist ein Wrack, als Orest sie tötet. Viele Jahre nach dem Mord am Vater. Und viele Jahre danach wiederum erzählt Orest das alles einer Psychiaterin. Die Handlung ist nur vordergründig im Präsens. Eigentlich wird sie rückwirkend und manchmal zeitgleich von Orest erzählt. Denn da gibt es ja eine Menge aufzuarbeiten.
Torsten Fischer hat das Stück von Robert Icke ergänzt mit Texten aus „Elektra“ von Hugo von Hofmannsthal. Und Angelo Maria Ripellinos Gedicht, das Luigi Nono in „Intolleranza 1960“ verwendet: „Lebendig ist, wer wach bleibt“, in großen Buchstaben auch auf dem Bühnenbild von Herbert Schäfer aufgemalt, nicht fließend, eher rätselhaft. Mit den letzten Worten „lebendig ist … wer sich dem Herbst hinwendet und nicht aufhört zu lieben.“
Erschienen am 29.9.2026

















