Auftritt
Mainfranken Theater Würzburg: Vom Wert der kleinen Freuden
„Von drei Millionen drei“ nach den Würzburg-Romanen von Leonhard Frank (UA) – Regie Ingo Putz, Ausstattung Marie Vecchio
Assoziationen: Theaterkritiken Bayern Dossier: Uraufführungen Daniel Morgenroth Mainfranken Theater Würzburg

Erste Premiere der neuen Spielzeit, erste Premiere unter neuer Intendanz: Die Adaption „Von drei Millionen drei“ nach dem gleichnamigen Roman des Würzburgers Leonhard Frank (1882–1961) ist ein erstes Beispiel für Daniel Morgenroths dezidiert lokalen Ansatz: „Was bei uns auf der Bühne passiert, muss für die Stadt und den Kreis relevant sein.“ Und nur was lokal relevant sei, so der neue Intendant, könne dann auch weiter ausstrahlen.
Leonhard Frank, der mit seinem Erstling „Die Räuberbande“ einer der erfolgreichsten Autoren der Weimarer Republik war, ist so etwas wie der große Würzburger Unbekannte. Oder besser Halbbekannte: Sein Name ist vielen geläufig, mehr als eines seiner Bücher haben die wenigsten gelesen. So erscheinen jetzt Franks vier Würzburg-Romane in Neuauflage beim Würzburger Verlag Königshausen & Neumann und nicht weiterhin beim eigentlichen Rechteinhaber Aufbau-Verlag.
Doch zurück ins Theater. Das Erste, was auffällt: Der Bühnenraum des Kleinen Hauses im Mainfranken Theater ist rabenschwarz gestrichen. Lange war er sichtbetonfarben, nun ist das Haus zum klassischen Schwarz der Guckkastenbühne zurückgekehrt. Auch neu: der Intendant als Türöffner. Morgenroth heißt die Gäste zur ersten Premiere persönlich willkommen und drückt eigenhändig die Taste, die die schwere Eingangstür zum Foyer bewegt.
Morgenroth ist seit seiner Zeit als Dozent an der Würzburger Universität von 2011 bis 2017 bekennender Leonhard-Frank-Fan. Auf seine Initiative hin haben Schauspieldirektor Ingo Putz und Dramaturg Thorben Meißner die Arbeitslosensaga „Von drei Millionen drei“ für die Bühne bearbeitet.
Würzburg, Ende der 1920er Jahre. Die Weltwirtschaftskrise tobt. Es gibt Arbeit für niemanden, schon gar nicht für Männer über 40. Also beschließen der Schreiber (Loris Kubeng), der Fabrikarbeiter (Leon Schamlott) und der Schneider (Hannes Berg), drei von drei Millionen Arbeitslosen, ihre Heimatstadt zu verlassen und in der weiten Welt ihr Glück zu versuchen. Sie schaffen es sogar auf den ewigen Sehnsuchtskontinent Südamerika.
Doch die Welt hat nicht auf sie gewartet. Im Gegenteil. Dabei stoßen die drei Wanderer gar nicht so sehr auf Ablehnung, sondern vor allem auf bleierne Gleichgültigkeit. Das wird nicht erst zum Schluss mit dem herzzerreißenden, bei Ralph Giordano entlehnten Satz „sein Schicksal interessierte sich nicht mehr für ihn“ deutlich.
Marie Vecchio (Bühne und Kostüme) beschränkt den Bewegungsradius der drei Männer auf eine flache Wasserfläche und wirft sie damit in maximale Unbehaustheit. Ein höhenverstellbarer Steg ist mal vermeintlich rettende Reling, mal bedrohliche Empore, von der herab keinerlei Hilfe zu erwarten ist.
Patricia Schäfer, Nina Mohr und Ellen Neuser bilden den Chor – drei Nornen, Grazien, Furien, die die Handlung vorantreiben, kommentieren und bei Bedarf in weitere Figuren schlüpfen. Etwa die resolute Wirtin (Nina Mohr), die den hungernden Männern die Suppe direkt aus dem Wasserbecken in die sofort gierig leergeleckten Teller schöpft. Oder den südamerikanischen Verwalter (Patricia Schäfer), der eine der seltenen Gesten von Menschlichkeit zeigt. Oder „die Hamburgerin“ (Ellen Neuser), die sich im Hedonistenmoloch Berlin quasi zu Tode prostituiert, während die Männer eher zaghaft den Realitätsflucht-Klassiker „Irgendwo auf der Welt“ singen. Unterstützt werden sie dabei von einem Kinderquintett, das in einer Art Prolog die Verbindung zu Franks Erstlingsroman „Die Räuberbande“ hergestellt hatte.
Alles nur deprimierend? Ja und nein. Putz und Meißner haben den Roman zerlegt, lassen dabei aber weiterhin Leonhard Franks sachlich-poetische Sprache wirken. Auch dessen eher desillusionierte sozialistische Überzeugungen klingen an, es interessieren aber vor allem die Individuen: der hinkende Bedenkenträger Schneider (Hannes Berg), das Stehaufmännchen Schreiber (Loris Kubeng) und der sensible Fabrikarbeiter (Leon Schamlott), dessen Liebe zum zugelaufenen Hündchen „Hammelchen“ sofort die Herzen des Publikums bewegt.
Der Auftritt der Puppe „Hammelchen“ ist übrigens eine Premiere für sich: Die neuen Ensemblemitglieder Leon Schamlott und Sophia Jelena Bobić sind auch als Puppenspieler:innen verpflichtet worden.
„Von drei Millionen drei“ ist eine schlüssige Collage, deren Stärke in den theatralen Momenten zwischen Slapstick und Dramatik liegt. Im grotesken Ballett eines Straßenbahnunglücks. Im absurd komischen Tennismatch, das nicht sportlich, sondern mit Geld entschieden wird. Vor allem aber in der verzweifelten Vitalität der drei tragischen Helden.
So ist das Stück kein politisches Plädoyer mit dem Anspruch des großen Wurfs, sondern ein beinahe intimer Hinweis auf die Bedeutung von Freundschaft und den Wert der kleinen Freuden. Und eine Einladung zum Mitfühlen, ja: Mitleiden. Der lange, stürmische Applaus am Premierenabend legt nahe, dass große Teile des Publikums diese Einladung angenommen haben.
Erschienen am 14.10.2026


















